„Darmkrebs kann heilbar sein! Und Darmkrebs ist vor allem heilbar, wenn ich ihn rechtzeitig entdecke."

Prof. Dr. Hans Heinrich Wedemeyer, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie

Darmkrebs(vorsorge) - Mythen, Ängste und Sorgen

Stand: 15.03.2021

Prof. Dr. Hans Heinrich Wedemeyer, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der MHH. Copyright: MHH/ Karin Kaiser

Anlässlich des Darmkrebsmonats März haben wir Herrn Prof. Dr. Hans Heinrich Wedemeyer, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der MHH zu Mythen, Ängsten und Sorgen bei Darmkrebs und der Darmkrebsvorsorge befragt. Das sind seine Antworten:
 

Aussage 1: „Solange ich mich fit und gesund fühle, brauche ich keine Vorsorgeuntersuchung.“

 „Das ist definitiv nicht der Fall! Darmkrebs kann leider jeden treffen, auch diejenigen, die sich fit und leistungsfähig fühlen. Krebsvorstufen, sogenannte Darmpolypen, können bei der Darmspiegelung entdeckt und gleich entfernt werden, lange bevor sie sich bemerkbar machen. Daher ist sie eine echte „Vorsorge“. Die Spiegelung des Darms ist derzeit die zuverlässigste Methode zur Darmkrebsfrüherkennung. Die Datenlage ist überwältigend und die Durchführung in jedem Fall sinnvoll. Nicht nur das Risiko Darmkrebs zu bekommen wird reduziert, das Gesamtüberleben wird dank dieser Vorsorgeuntersuchung deutlich verbessert.“

Aussage 2: „Die Vorbereitung und Untersuchung ist zu zeitaufwendig. Ich habe keine Zeit für eine Darmspiegelung.“

„Richtig ist: An dem Tag, wo die Darmspiegelung geplant ist, sollte man sich schon einen Tag freinehmen. Da die Untersuchung meist mit einer kurzen Narkose verbunden ist - man kann währendessen entspannt schlafen! -, darf an dem Tag kein Auto gefahren werden. Für die Untersuchung muss der Darm vollständig entleert sein, das bedarf am Vortrag etwas Vorbereitung. Nach der Untersuchung ist man aber fit und am nächsten Tag wieder komplett einsatzfähig. Es ist keinesfalls so, dass man danach eine Woche krank ist. Was wir uns bewusst machen sollten: Die Darmspiegelung wird bei Männern ab dem  50 Lebensjahr und bei Frauen ab 55 Jahren alle 10 Jahre durchgeführt. Alle 10 Jahre für die eigene Vorsorge einen Tag Zeit zu finden, sollte schon möglich sein.“

Aussage 3: „Eine Darmspiegelung ist schmerzhaft.“

„Die Darmspiegelung ist in keiner Weise schmerzhaft. Es wird eine extrem gut verträgliche Kurznarkose mit Propofol verabreicht, so dass die Patientinnen und Patienten während der endoskopischen Untersuchung entspannt schlafen. Hinterher kann es sein, dass ein leichtes Zwicken im Bauch zu spüren ist. Von der Untersuchung selbst kriegt man aber nichts mit, man schläft.“

Aussage 4: „Die Darmspiegelung ist mir nicht geheuer.“

„Die Darmkrebsspiegelung ist absolut sicher. In Deutschland werden jedes Jahr hunderttausende von Darmspiegelungen durchgeführt. Diese sind auf einem so hohen Qualitätsniveau und so gut standardisiert, bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sowie bei uns in der MHH, das Patientinnen und Patienten da Vertrauen haben können. Man braucht keine Angst vor der Untersuchung zu haben. Die Qualität und Sicherheit der Untersuchung wird auch immer überprüft und ausgewertet.“

Aussage 5: „Darmpolypen sind immer Krebs.“

„Das stimmt nicht. Aus Darmpolypen kann Krebs entstehen. Daher ist die Vorsorgeuntersuchung so wichtig, da Darmpolypen direkt entfernt werden können. In den seltensten Fällen handelt es sich dabei aber schon um Krebs.“

Aussage 6: „Darmkrebs ist nicht heilbar.“

„Darmkrebs kann heilbar sein! Und Darmkrebs ist vor allem heilbar, wenn ich ihn rechtzeitig entdecke. Er kann operativ entfernt werden und auch darüber hinaus gibt es viele weitere Konzepte. Nach Operation im frühen Stadium, haben wir bei Darmkrebs 5-Jahres-Überlebensraten von 70-90 Prozent. Selbst wenn ich den Krebs in einem Stadium entdecke, wo er nicht komplett heilbar ist, er zum Beispiel nicht wegoperiert werden kann, stehen uns heutzutage revolutionäre Krebstherapien zur Verfügung. Dadurch lässt sich Tumorwachstum aufhalten, gestreuter Darmkrebs kann kontrolliert und einige sogar im späten Stadium geheilt werden. Wir haben ganz neue Immuntherapien, wo wir uns den Krebs genau ansehen und schauen, welche genetischen Veränderungen haben eigentlich zum Krebswachstum geführt? Daraufhin können, je nach Mutation, ganz gezielte Therapien angewendet werden. Es ist wirklich gigantisch, was heute erreicht werden kann. Die Entdeckung der Tumoren wird zudem immer besser. Im Alltag werden bereits zunehmend künstliche Intelligenzverfahren genutzt, zum Beispiel Bildunterstützung, die den untersuchenden Ärztinnen und Ärzten hilft, Polypen oder Tumoren zu entdecken. Das ist eine ganz große Entwicklung in der Medizin“.

Abschließend: Was ist Ihre persönliche Botschaft an die Leserinnen und Leser?

„Wenn Sie mitkriegen, dass jemand in Ihrer Familie Darmkrebs hatte, dann nehmen Sie frühzeitig eine Vorsorgeuntersuchung wahr. Beispiel: Ihr Onkel oder Ihre Tante sind mit 52 Jahren an Darmkrebs erkrankt, dann sollten Sie bereits eine Vorsorgeuntersuchung mit 42 Jahren wahrnehmen. Eselsbrücke wäre minus 10 Jahre. Umgekehrt: Wenn ich selber von Darmkrebs betroffen bin, geht es nicht nur um mich, sondern auch um meine Familie und meine Angehörigen. Das ich sie sensibilisiere und ihnen mitteile, dass ich wahrscheinlich Gene in mir trage, die das Risiko erhöhen, an Darmkrebs zu erkranken. Angehörige 1. und 2. Grades können sich dadurch frühzeitig untersuchen lassen und vorsorgen. Das ist mir wirklich ein Herzensanliegen“.

 

Kontakt:
Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover
E-Mail: gastroenterologie@mh-hannover.de


Über den Darmkrebsmonat März

Der Darmkrebsmonat wurde von der Felix Burda Stiftung, der Stiftung LebensBlicke und dem Netzwerk gegen Darmkrebs e.V. ausgerufen, um dem Thema Darmkrebsvorsorge mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. In diesem Jahr steht der März zum 20. Mal in ganz Deutschland im Zeichen der Darmkrebsvorsorge.

"Wenn die Angst vor der Vorsorge fast größer ist, als die Angst vorm Darmkrebs selbst, sprechen Mediziner von #PRÄVENTIOPHOBIE." (Felix Burda Stiftung)

Darmkrebsvorsorge - wie sie abläuft und warum sie so wichtig ist

Mit Professor Dr. Wedemeyer, Direktor der Klinik für Gastroenterologie.