Eine Form des menschliches Kopfes, dargestellt wie ein Netzwerk, bestehend aus Punkten und deren Verbindungen.

Simulation und Reduktion von Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie (SRZP)

Forschungsgruppenleitung: PD Dr. Stephan Debus

Hintergrund

Die professionelle Anwendung von Zwang in der Psychiatrie (wie Zwangsmedikation, Zwangsfixierung, Isolation) gehört zu den freiheitsentziehenden Maßnahmen, die alle Beteiligten (Patienten, Angehörige und professionelle Teams), wenn auch unterschiedlich, aber doch in hohem Maße belasten.

In Zwangsmaßnahmen auf psychiatrischen Akutstationen sind Patienten und alle klinischen Berufsgruppen, zeitweise aber auch externe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Polizei, Gerichte, Feuerwehr oder Rettungsdienst involviert. Die gesellschaftliche Relevanz des Themas (Größenordnung 200.000 – 300.000 Zwangsfixierungen pro Jahr in Deutschland allein in der Erwachsenenpsychiatrie) ist in der wissenschaftlichen Literatur unbestritten.   

Die umfangreiche Studienlage zur Erforschung von Gefährdungssituationen in psychiatrischen Akutstationen legt nahe, dass Gewalt und Zwang gehäuft nur in bestimmten Situationen, zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten auftreten, z.B. vor Dienstzimmern oder geschlossenen Stationstüren, häufig montagvormittags, wenn die Therapieprogramme beginnen, oder zur Mittagsstunde, wenn die Teams für Gespräche seltener zur Verfügung stehen. In solchen Situationen scheinen sich Patienten und Teams gegenseitig herauszufordern und an ihre Grenzen zu bringen. Eine Zwangsmaßnahme ist letztlich ein Zeugnis davon, dass Kommunikation misslingt – „ein psychiatrischer Unfall“: Es scheitert der Versuch, die Konflikte in Gefährdungssituationen ohne Zwang zu lösen.

Das SRZP-Projekt erforscht die Entstehung und den Verlauf von Gewalt und Zwang in psychiatrischen Gefährdungssituationen. Die zentrale Frage lautet: was geschieht zwischen den Akteuren in psychiatrischen Gefährdungssituationen, in denen Zwang und Gewalt entweder eskalieren oder deeskalieren? Welche Gefährdungssituationen sind durch welche Kommunikationsmerkmale vergleichbar oder unterscheidbar. Was unterschiedet Gefährdungssituationen, in denen Deeskalation möglich ist, von solchen die eskalieren? Welche Regeln steuern die Interaktionen?

Ziele

Auf der Basis eines sprach- und situationstheoretischen Ansatzes bestehen die übergeordneten Ziele unserer Forschungsgruppe in der…

 

  • Rekonstruktion von psychiatrischen Gefährdungssituationen;
  • Identifikation von sprachlichen Mustern im Verlauf der Interaktionen mithilfe von lokutionären und illokutionären Aspekten von Sprechakten;
  • Identifikation von regulativen und konstitutiven Regeln, die die Interaktionsmuster steuern;
  • Identifikation der kommunikativen Gelingensbedingungen (Erfolgs-, Ernsthaftigkeit- und Wahrheitsbedingungen) von Äußerungsakten in psychiatrischen Gefährdungssituationen;
  • Systematisierung der Prozessdynamiken von Gefährdungssituationen mit Hilfe von Entscheidungsbäumen;
  • Klassifikation und Typologie von Gefährdungssituationen;
  • Entwicklung wissenschaftlich unterstützter Alternativszenarien zur Anwendung von psychiatrischem Zwang.

Auswahl aktueller Projekte

Wissenschaftliche Kollaboration

Ausstattung

Das SRZP-Projekt kooperiert mit dem Institut für Kultursemiotik. Das Institut stellt eine als „social Lab“ fungierende und für Videoaufnahmen speziell eingerichtete Seminarhalle zur Verfügung. Das „social-Lab“ ist medial vernetzt mit einem Videoproduktionsstudio. Die Videos werden über eine interuniversitäre Internetplattform zur Analyse durch Studierende von Hochschulen und Universitäten im Rahmen der Erstellung von Promotionen, Master- und Bachelorarbeiten zur Verfügung gestellt:

Partizipatives Internet Portal Psychiatrie (PIPP): https://www.pipp.pro.

Forschungsgruppenleiter

PD Dr. Stephan Debus, Hochschullehrer, SRZP-Projektleiter

Telefon:         05103/7067743

Telefax:         05103/7045892

Debus.Stephan@mh-hannover.de

 

Publikationen:

 

Sonstige Positionen:

  • Mitglied im FA Forschung, Deutsch. Gesell. Soz. Psychiatrie (DGSP);

  • Sprecher des FA „Netzwerk: Psychiatrie ohne Gewalt“ (DGSP);

  • Beiratsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Semiotik (DGS);

  • Leiter des Instituts für Kultursemiotik, Wennigsen;

  • Langjähriger Herausgeber der Zeitschrift für Semiotik.

Mitarbeiter/Innen