Laufende Dissertationen

Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin

 

Promovendin

Nadja Struß

 

Arbeitstitel der Dissertation

Die Rezeption der medikamentösen Behandlung hyperaktiver und aufmerksamkeitsgestörter Kinder in den 1970er bis 1990er Jahren im deutschsprachigen Raum unter besonderer Berücksichtigung der DDR

 

Abstract

Das Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitätssyndrom, kurz AD(H)S, ist eine der vierthäufigsten Diagnosen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zur Behandlung der motorischen Hyperaktivität und der Aufmerksamkeitsprobleme stehen potente medikamentöse Therapien zur Verfügung, die bei einem Großteil der Betroffenen zu einer Verbesserung der Symptomatik führen können. Das älteste für diese Indikation zugelassene Präparat ist das zentral wirkende indirekte Sympathomimetikum Methylphenidat, dass 1955 als Ritalin (C) von dem Pharmaunternehmen Ciba-Geigy (heute Novartis Pharma) als Mittel gegen leichte depressive Verstimmung auf den Markt gebracht wurde. In den 1960er Jahren wurden erste Studien veröffentlicht, die von einer beeindruckenden Wirksamkeit von Methylphenidat bei Kindern mit sogenannter „Minimal zerebraler Dysfunktion“ (MBD) - dem historischen Vorläufer des AD(H)S - berichteten. 1970 wurde die Indikation von Ritalin auf die MBD ausgeweitet. Schon in den 1960er Jahren stand das Störungskonzept der „Minimalen zerebralen Dysfunktion“ bei Wissenschaftlern in der Kritik, da der Begriff auf eine Hirnfunktionsstörung als Ursache der Hyperaktivität hindeutete, für die es jedoch keine handfesten Belege gab. Die Einführung der Stimulanzien als medikamentöse Therapie erweiterte und verschärfte die Kontroverse. Im Zentrum der Debatte standen die Medikalisierungsbedenken: bot man den Patienten medizinische Lösungsansätze für soziale und familiäre Probleme sowie Lernstörungen an? War dies wirksam und ethisch vertretbar?

Die Analyse soll zeigen, wie die Pharmakotherapie von verhaltensauffälligen Kindern in Fachwelt und Öffentlichkeit in Deutschland gehandhabt, wahrgenommen und diskutiert wurde. Der Diskurs in der DDR wird dabei gesondert betrachtet, da diese über eine eigene pharmazeutische Industrie verfügte. Welches waren Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Diskurs der BRD im Vergleich zur DDR? Welche Bedenken gab es, wer waren die Befürworter, wer die Gegner dieses Therapieansatzes? Was könnten Gründe dafür gewesen sein, dass die Zahl der Stimulanzienbehandlungen seit Ende der 1990er Jahre trotz der zuvor diskuierten Bedenken stark angestiegen ist? Material: Als Quellenmaterial werden in Fachzeitschriften publizierte Artikel, Buchpublikationen sowie Berichte aus den öffentlichen Medien aus BRD und DDR herangezogen, die mit Hilfe von Schlüsselwörtern auf relevante Inhalte hin durchsucht werden. Die Schlüsselwortliste wird während der Recherche ergänzt (Schneeballprinzip), bis eine theoretische Sättigung erreicht ist. Die Suche erfolgt digital in wissenschaftlichen Datenbanken, Bibliothekskatalogen und Archiven sowie manuell bei nicht-digitalisierten Medien.

Der Analyse des Quellenmaterials zugrundeliegend ist die Diskurstheorie nach Michel Foucault: der Diskurs bringt eine eigene Wirklichkeit hervor, deren durch Machtstrukturen gewobenes Regelwerk den Diskurs ordnet. Eine Diskursanalyse versucht die Akteure des Diskurses zu identifizieren und die durch sie hervorgebrachten Sagbarkeitsfelder zu erfassen. Die Äußerungen innerhalb des Diskurses werden zu Diskurspositionen zusammengefasst, um ein Bild von Haupt- und Gegendiskursen zu entwerfen. Anregungen für die praktische Umsetzung einer qualitativen Diskursanalyse im Allgemeinen werden Siegried Jäger und der historischen Diskursanalyse im Speziellen Achim Landwehr entnommen.