Aus der MHH

MHH-Ambulanz zur Prävention sexualisierter Gewalt stößt auf großes Interesse

Behandlungs- und Forschungsprojekt „180Grad“ wendet sich an Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren

Zwei Frauen und ein Mann stehen mit einem Plakat in der Hand in einem Klinikgang.

Das Team der „180Grad“-Ambulanz: Laura Budnik, Jennifer Bingemer und Professor Tillmann Krüger (von links nach rechts). Copyright: Karin Kaiser / MHH

Sexualisierte Gewalt geht nicht nur von Erwachsenen aus. Auch junge Menschen können zu Täterinnen und Tätern werden.  Hier setzt das Projekt „180Grad“ des Arbeitsbereichs Klinische Psychologie und Sexualmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) an. Es richtet sich speziell an Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, die fürchten, ihre sexuellen Impulse nicht mehr kontrollieren zu können. Nach dem Motto „Tatprävention ist der beste Opferschutz“ bietet das Projekt den Betroffenen anonym und kostenlos therapeutische Hilfe unter Schweigepflicht. 18 Monate nach dem Start von „180Grad“ zieht das Projektteam eine positive Bilanz.

Gute Resonanz auf schwieriges Thema

„180Grad“ ist ein vom Niedersächsischen Sozialministerium gefördertes Behandlungs- und Forschungsprojekt zu dysregulierter Sexualität bei Jugendlichen. Dazu zählen neben dem exzessiven Konsum von (Kinder-) Pornografie auch sexualisierte Gewaltphantasien und Übergriffe. Sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen ist keine Seltenheit: Junge Leute sind stärker gefährdet, diese Form von Gewalt durch Gleichaltrige zu erfahren als durch Erwachsene. „Mit dem Projekt setzen wir auf Prävention. Unser Ziel ist es, sexuelle Übergriffe zu verhindern, indem wir Hilfe bieten, bevor anderen Menschen Leid zugefügt wird“, erklärt Professor Dr. Tillmann Krüger, Leiter des Arbeitsbereichs Klinische Psychologie und Sexualmedizin an der MHH-Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie. „180Grad“ steht für eine 180-Grad-Drehung in eine gewaltfreie Richtung.

Seit dem Start des Projekts im September 2022 erhält das Projektteam regelmäßig Anfragen von ratsuchenden Jugendlichen. In Therapie befinden sich aktuell sechs junge Patientinnen und Patienten. „Vor dem Hintergrund, dass das Thema äußerst sensibel ist, sind wir mit der Resonanz sehr zufrieden, wollen das Projekt aber noch bekannter machen und die Inanspruchnahme weiter steigern“, sagt Professor Krüger. Dass sich die Klinik mit dem Angebot eines wichtigen Themas annimmt, zeigt auch das große Interesse anderer Einrichtungen wie Jugendschutzorganisationen, Schulen, Universitäten und psychiatrischen Kliniken. „Wir bekommen zahlreiche Anfragen, ob wir Vorträge halten oder Workshops zu dem Thema machen können“, freut sich Professor Krüger, „das bedeutet, dass der Informationsbedarf hoch ist.“

Vertraulichkeit wird großgeschrieben

Jugendliche, die einmal wegen sexualisierter Gewalt straffällig geworden sind, werden häufig wiederholt zu Täterinnen oder Tätern. „Deshalb ist es wichtig, sich Hilfe zu holen, bevor es zu einem Übergriff kommt“, erklärt Laura Budnik. Sie und Jennifer Bingemer sind die Projekt-Therapeutinnen, die Jugendliche in der „180Grad“-Ambulanz betreuen. Vertraulichkeit wird dabei großgeschrieben. Denn die Therapeutinnen wissen, wie viel Mut es kostet, das Problem anzugehen. „Oft sind wir die Ersten, denen sich die Jugendlichen anvertrauen“, sagt Jennifer Bingemer. Die Therapeutinnen hören zunächst einmal zu und stellen fest, ob ein Therapiebedarf besteht. Wenn das der Fall ist, durchlaufen die Jugendlichen eine Einzeltherapie mit verschiedenen Modulen. Dabei geht es unter anderem um Emotionsregulation, persönliche Einstellungen, Risikosituationen und soziales Verhalten. „Da wir die Menschen ganzheitlich sehen, berücksichtigen wir auch eventuelle andere Erkrankungen, die bei der dysregulierten Sexualität eine Rolle spielen“, erläutert Laura Budnik. Durch die Behandlung sollen die jungen Menschen lernen, ihre Impulse zu kontrollieren und Grenzen zu akzeptieren. 

Die Therapie dauert ein bis zwei Jahre, Medikamente sind nicht vorgesehen. Die Ambulanz zur Prävention sexualisierter Gewalt steht in engem Kontakt zu anderen Beratungs- und Behandlungsstellen und kann bei Bedarf Patientinnen und Patienten auch dorthin vermitteln.

Interessierte können unter Telefon (0511) 532-6746 (montags von 10 bis 11 Uhr, donnerstags von 15 bis 17 Uhr) Kontakt zur Ambulanz aufnehmen. Weitere Informationen finden sich im Internet unter www.180grad-praevention.de

Text: Tina Götting