Von der privaten Augenklinik "Maschstraße" bis zur Medizinischen Hochschule Hannover

Während die Augenheilkunde in Wien und Prag bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein selbstständiges Fach wird, ist sie in Deutschland noch etwa 50 Jahre Anhängsel und Domäne der Chirurgie. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wird eine Abspaltung im Sinne einer Reform der Augenheilkunde durch die Ophthalmologen Hermann v. Helmholtz, Frans Cornelis Donders und Albrecht v. Graefe durchgesetzt. In dieser Zeit sind in Hannover drei namhafte Schüler Albrecht v. Graefes tätig:

Carl Clemens Vogdsang (1830-1885) ist zunächst 1851/52 ein Schüler von Ruete noch zu dessen Göttinger Zeit und geht danach 1853 für sieben Monate als Assistent zu Albrecht v. Graefe nach Berlin. Ab 1853 ist er in Hannover als Arzt und Augenarzt tätig und baut dort 1860 eine private Augenklinik in der Maschstraße, die 1863 eingeweiht wird und die er bis kurz vor seinem Tod selbst leitet. Als hoch angesehene Persönlichkeit wird er schon 1856 vom König selbst konsultiert. Mit seinem verehrten Lehrer Albrecht v. Graefe verbindet ihn bis zu dessen Tod 1870 eine herzliche Freundschaft. Auch mit Albert Mooren in Düsseldorf ist Vogelsang eng befreundet und besucht regelmäßig die Tagungen in Heidelberg und auch die Internationalen Kongresse in Brüssel (1857), Paris (1862 und 1867) und London (1872).

Leopold Dürr (1835-1902) arbeitet sogar mehrere Jahre bei Albrecht v. Graefe, bevor er sich 1860 als Augenarzt in Hannover niederlässt und dort einige Arbeiten publiziert. Ab 1866 ist er an der Augen-Abteilung des Henrietten-Stifts tätig, die über 24 Betten verfügt und an der auch Operationen ausgeführt werden. Daneben gibt es noch die bereits 1819 gegründete und 1839 neu eingerichtete Hannoversche Augen-Heilanstalt, an der aber nur ambulante Behandlungen stattfinden, und seit 1843 die Hannoversche Blindenanstalt [1].

Hermann Esberg (geb. 1834) ist nach dem Studium über drei Jahre Privatassistent bei Ferdinand v. Arlt in Wien und danach noch neun Monate bei Albrecht v. Graefe in Berlin tätig, bevor er ab 1864 als Kinder- und Augenarzt in Hannover wirkt. Er ist ein sehr guter Operateur und 25 Jahre lang Lehrer der Augenheilkunde an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover [1].

Gründung der Medizinischen Hochschule

100 Jahre nach dem Wirken der drei genannten v. Graefe-Schüler in Hannover wird dort im Jahr 1965 eine Medizinische Hochschule (MHH) gegründet, in deren Gebäudekomplex auch die Augenklinik integriert ist. 1969 erhält der Chefarzt der Augenklinik des Städtischen Krankenhauses in Hannover-Nordstadt Bernhard Huerkamp den ersten Lehrstuhl für Augenheilkunde an der Medizinischen Hochschule Hannover und hat nun zwei Kliniken zu leiten. Erst unter seinem Nachfolger Honegger erfolgt zwischen der Augenklinik der MMH und dem Nordstadt-Krankenhaus eine vollständige Trennung; Honegger ist "nur" noch Direktor der Hochschulaugenklinik.

Bernhard Huerkamp

Bild Prof. Huerkamp

Bernhard Huerkamp (1912-1992) wird am 17.11.1912 in Freckenhorst in Westfalen geboren. Nach dem Studium der Medizin promoviert er 1938 in Münster. Von 1936 bis 1938 ist er Praktikant und Volontärassistent an der Münsteraner Augenklinik unter Marchesam und von 1939 bis 1941 Assistent an den Universitäts-Augenkliniken in Göttingen bei Erggelet und in Bonn bei Riehm. Nach dem Kriegsdienst ist er wieder ab 1946 an der Göttinger Augenklinik unter Erggelet und danach bei Hallermann tätig, von 1946 bis 1949 als Assistent und nach seiner Habilitation 1950 als Oberarzt. Unter Hallermann 1955 zum außerplanmäßigen Professor ernannt, ist er von 1959 bis 1961 als Kassenarzt in Hannover tätig und wird 1961 Chefarzt der Augenklinik des Städtischen Krankenhauses Hannover-Nordstadt. 1969 wird er dann als Erster auf den Lehrstuhl für Augenheilkunde an der Medizinischen Hochschule in Hannover berufen. Wissenschaftlich sehr aktiv, hat sich Huerkamp mit den verschiedensten Fragen der klinischen und experimentellen Augenheilkunde beschäftigt. So gilt sein Interesse der Cataracta syndermatotica, der Ablatio retinae, Augendruckkurven beim Glaukom, dessen Tagesdruckschwankungen und seiner medikamentösen Therapie, der Netzhautgefäßbreite unter verschiedensten Versuchsbedingungen, der Leber'schen Optikusatrophie, der Pupillotonie, der essenziellen Irisatrophie, der Irisdiagnostik, der Röntgendiagnostik der ableitenden Tränenwege sowie der Infrarot-Photographie. Im Mai 1971 kommt Heinrich Honegger aus Heidelberg als Abeilungsvorsteher für ophthalmologische Mikrochirurgie und experimentelle Ophthalmologie an seine Klinik, der nach Huerkamps Emeritierung 1977 im Jahr 1979 sein Amtsnachfolger wird [5].


Heinrich Honegger

Bild Prof. Honegger

Heinrich Honegger (1925-1985) wird am 24.9.1925 in Aistaig/Rottweil geboren. Noch bevor er seine Schulzeit beenden kann, wird er in den letzten Kriegsjahren zum Wehrdienst eingezogen, erlebt das Kriegsende schwer verwundet in einem Lazarett und ist danach anderthalb Jahre in Kriegsgefangenschaft. Dann erst kann er die Reifeprüfung ablegen und anschließend in Tübingen und Heidelberg studieren, wo er 1953 mit einer ophthalmologischen Arbeit über die Hornhaut promoviert [3, 4]. Nach Absolvierung seiner Pflichtassistentenzeit beginnt er seine ophthalmologische Fachausbildung 1955 unter Engelking und setzt sie dann unter Jaeger fort, bei dem er sich 1963 habilitiert. Danach ist er noch weitere acht Jahre als Oberarzt an der Heidelberger Klinik tätig, wird 1969 zum außerplanmäßigen Professor ernannt und geht 1971 als Abteilungsleiter an die Augenklinik der Medizinischen Hochschule in Hannover, wo er sofort mit der Modernisierung der Klinik beginnt, zu deren Direktor und Lehrstuhlinhaber er 1979 nach der Emeritierung Huerkamps ernannt wird. Während seiner 16-jährigen Heidelberger Zeit hat sich Honegger wissenschaftlich u.a. mit der Fibrinolyse bei Gefäßverschlüssen der Netzhaut, der Sehschärfe für bewegte Objekte, der medikamentösen Therapie am Auge, der Behandlung von Kalkverätzungen und der Verträglichkeit von Antibiotika in der vorderen Augenkammer beschäftigt. Sein besonderes Interesse gilt aber Problemen der Pathophysiologie der Hornhaut und hier vor allem dem Zusammenhang von Hornhautquellung und Endothelschaden sowie dem zeitlichen Ablauf der Regeneration des Hornhautendothels. In Hannover beschäftigt er sich auf wissenschaftlichem Gebiet weiter mit Fragen der Regenerationsfähigkeit des Hornhautendothels und entdeckt, dass diese nicht nur durch Migration, sondern auch durch mitotische Aktivitäten zustande kommt. Weitere Untersuchungen gelten der Lokalanästhesie und hier vor allem neuen Langzeit-Lokalanästhetika. Außerdem setzt er seine sinnesphysiologischen Forschungen fort, die zu verkehrsophthalmologisch und ergonomisch relevanten Ergebnissen führen [5]. Sein größter Verdienst in Hannover aber ist der Aufbau einer Klinik und Forschungsstätte, die sich bald mit anderen Hochschulkliniken messen kann [3-5]. Bereits als Abteilungsleiter führt er 1971 die Mikrochirurgie der vorderen Augenabschnitte in der Klinik ein und 1979 folgt die erste pars-plana-Vitrektomie. Während seiner nur sechsjährigen Zeit als Klinikchef setzt er seine Bemühungen um eine weitere Modernisierung der Klinik mit Energie und unter Einsatz all seiner Kräfte fort [3]. Er bildet spezielle Arbeitsgruppen für die Glaukomforschung und die medikamentöse Glaukomtherapie, die Beeinflussung der Wundheilung des Hornhautepithels und den fluoreszenzangiographischen Nachweis von Iristumoren mit Hilfe speziell entwickelter Angiographietechniken [5]. Persönlich ist Honegger von großer Bescheidenheit und in unermüdlicher Hilfsbereitschaft immer für andere da [3]. Völlig unerwartet stirbt er am 24.6.1985 im Alter von nur 59 Jahren [3,4].


Manfred Mertz

Bild Prof. Mertz

Nach dem plötzlichen Tod von Heinrich Honegger übernimmt Manfred Mertz (*1939 in Berlin) das Ordinariat. Er studierte von 1958 bis 1964 in Göttingen, Wien und Hamburg, wo er 1965 promoviert. Im selben Jahr beginnt er seine augenärztliche Ausbildung zunächst an der Augenklinik Hamburg Barmbek bei Wolfgang Papst und setzt sie dann im Zentrallazarett der Bundeswehr in Koblenz fort. Von 1966 bis 1969 absolvierte er zusätzlich eine Fachausbildung in Anatomie und Histologie einschließlich Histochemie, Elektronenmikroskopie und Embryologie in Tübingen. Ab 1970 ist er zunächst Assistent und dann Oberarzt an der Augenklinik der Technischen Universität München unter Merte, bei dem er sich 1977 habilitiert. 1983 wird er zum außerplanmäßigen Professor ernannt und drei Jahre später auf den Lehrstuhl für Augenheilkunde an der Medizinischen Hochschule Hannover berufen. Fünf Jahre später folgt er einem Ruf auf den Lehrstuhl seines emeritierten Lehrers Merte und übernimmt am 1991 die Augenklinik der Technischen Universität München [4].


Rolf Winter

Bild Prof. Winter

Nach der Rückkehr von Mertz nach München wird 1993 Rolf Winter der nächste Inhaber des Hannoverschen Lehrstuhls. Geboren am 23.10.1946 in Bremen, studierte er von 1966 bis 1972 in Kiel, wo er 1973 promoviert. Danach absolviert er seine Fachausbildung von 1974 bis 1979 an der Universitäts-Augenklinik Kiel unter Wilhelm Böke, geht dann von 1979 bis 1981 als Oberarzt von Draeger an die Augenklinik der Städtischen Krankenanstalten in Bremen und folgt diesem, ebenfalls als Oberarzt, 1981 an die Universitäts-Augenklinik Hamburg (S. 278), wo er sich 1982 habilitierte und bereits ein Jahr später zum C3-Professor ernannt wird. Nach weiterer 10-jähriger Tätigkeit als Oberarzt an der Hamburger Klinik wird er 1993 als Nachfolger von Mertz nach Hannover berufen und nimmt im selben Jahr seine Tätigkeit als Direktor der Augenklinik der Medizinischen Hochschule auf [6]. Die Schwerpunkte von Winters wissenschaftlicher Tätigkeit liegen als Draeger-Schüler vorwiegend auf operativem Gebiet: Transplantationschirurgie, mikrochirurgische Detaillösungen in der Chirurgie der vorderen und hinteren Augenabschnitte, Hornhautkonservierung und Entwicklung einer Hornhautbank. Nach seinem Amtsantritt in Hannover gilt deshalb sein Hauptinteresse zunächst der weiteren Verbesserung der dortigen operativen Möglichkeiten. So werden drei voll ausgerüstete und nach den modernsten Gesichtspunkten ausgestattete Operationseinheiten für sämtliche Vorder- und Hinterabschnittstechniken eingerichtet. Weiterhin wird schon 1993 eine Hornhautbank nach dem in Hamburg entwickelten System aufgebaut. 1997 entsteht ein zusätzliches ambulantes Operationszentrum als Anbau an die Poliklinik, so dass die Zahl der Klinikbetten auf 45 reduziert werden kann. Neben der Hornhaut-, Glaukom- und vitreo-retinalen Chirurgie wurde in den folgenden Jahren auch der Makuladegeneration große Aufmerksamkeit gewidmet und neben modernsten chirurgischen Verfahren auch die pharmakologischen Therapien etabliert. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit wurde auch die Vernetzung mit den Kliniken der Neurochirurge, der HNO und der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie. Winter emeritierte am 30.09.2012 [6].


Carsten Framme

Bild Prof. Framme

Seit dem 1.10.2012 hat Carsten Framme seine neue Aufgabe als Direktor der Augenklinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) übernommen und ist damit an den Ort seines Medizinstudiums (1989-1996) zurückgekehrt. Anschließend war Framme unter anderem an den Augenkliniken Lübeck, Laqua, und Regensburg, Gabel und Helbig tätig. In Regensburg war er zuletzt Leitender Oberarzt und Stellvertretender Direktor, bevor er 2009 als Leitender Arzt an die Universitätsklinik für Augenheilkunde des Inselspitals Bern, zu Wolf wechselte. Neben seinem ophthalmochirugischen und retinologischen Schwerpunkt hat sich Framme darüber hinaus Expertise als Medical Hospital Manager (MHM) und Master of Business Administration (MBA) erworben. Der Netzhaut-Experte plant, das Profil der MHH-Augenklinik auf dem Gebiet der Forschung zu schärfen. Hierzu soll ein Forschungslabor mit dem Schwerpunkt Retinologie entstehen und die wissenschaftliche Kooperation soll ausgebaut werden. Im Zuge des Leitungswechsels werden die Poliklinik, Augenstationen und OP-Säle modernisiert.


Literatur

(gekürzt, überarbeitet und erweitert ) aus:

H.J. Küchle, Augenkliniken deutschsprachiger Hochschulen in 19. und 20. Jahrhundert, Biermann Verlag

1. HIRSCHBERG, J: Geschichte der Augenheilkunde. Die Reform der Augenheilkunde II. In: Graefe A, SaemiscTh: Handbuch der gesamten Augenheilkunde. 2. Auflage 1918, Bd. XV/II:297-300. Berlin: Springer

2. HOFFMANN, K : Nachruf für Professor Dr. med. Bernhard Huerkamp. Inf. bl. Med. Hochschule Hannover 1992

3. JAEGER,W: Nachruf auf Professor Heinrich Honegger. Klin Monatsbl Augenheilkd 1985;187:563

4. JAEGER,W: Ber. 83. Zusk dtsch ophthal Ges 1986:3

5. WERRY, H: Augenheilkunde. In: 20 Jahre Medizinische Hochschule Hannover. 1985:389-391

6. WINTER, R: Persönl. Mitteilg. 2002, 2012

7. FRAMME, C: Persönl Mitteilg. 2012