Gesundheit

Häusliche Blutentnahme soll chronisch Kranke entlasten

Das Projekt „Blut mobil“ will helfen, den mit einer Blutentnahme verbundenen Aufwand zu verringern.

Professor Dr. Georg Behrens, die Doktorandin Anne Cossmann (Mitte) und Professorin Dr. Alexandra Dopfer-Jablonka präsentieren Versandboxen und Blutentnahmeröhrchen.

Kleiner, schneller, einfacher: Professor Dr. Georg Behrens, die Doktorandin Anne Cossmann (Mitte) und Professorin Dr. Alexandra Dopfer-Jablonka wollen chronisch Kranken die Blutabnahme zu Hause ermöglichen. Copyright: Karin Kaiser / MHH

Etwa 40 Prozent der Menschen in Deutschland haben eine oder mehrere chronische Erkrankungen. Viele benötigen eine permanente fachärztliche Betreuung und müssen sich regelmäßig persönlich in der Praxis vorstellen. Dabei sind Blutuntersuchungen häufig der einzige Grund für den Termin. Gerade in ländlichen Gebieten, wo die Praxen nicht selten weit entfernt vom Wohnort liegen und eine längere Anreise erfordern, ist das problematisch. Auch für ältere Patientinnen und Patienten, Berufstätige oder Menschen mit Erziehungs- und Pflegeaufgaben bedeuten die Besuche mitunter einen hohen organisatorischen Aufwand. Hier setzt das Projekt „Blut mobil“ unter der Leitung von Professorin Dr. Alexandra Dopfer-Jablonka und Professor Dr. Georg Behrens von der Klinik für Rheumatologie und Immunologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) an. In Kooperation mit der Universitätsmedizin Göttingen wollen sie ein neues Konzept entwickeln und praktisch erproben, bei dem chronisch Kranke sich zu Hause selbst eine kleine Menge Blut abnehmen und per Post an ein Labor versenden können. Dieses analysiert die Blutprobe dann und leitet die Ergebnisse an die betreuende fachärztliche Praxis weiter. Das Projekt wird vom Europäischen Sozialfonds für zweieinhalb Jahre mit 750.000 Euro unterstützt.

Schon geringe Blutmengen ausreichend

„Wir setzen in der ärztlichen Betreuung zunehmend Telemedizin ein, um Patientinnen und Patienten unnötige Wege zu ersparen, aber für rheumatologische und viele andere fachärztliche Praxen funktioniert das nicht“, erklärt Professorin Dopfer-Jablonka. Denn oft werden Blutwerte als Biomarker benötigt, um den Gesundheitszustand der chronisch Kranken zu kontrollieren und auf Basis dieser Werte Medikamente zu verschreiben oder die Medikation anzupassen. Und die werden bislang ausschließlich vom klinischen Personal in den Praxen oder Klinikambulanzen entnommen.

Auf die Idee für das häusliche Blutentnahmekonzept sind Professorin Dopfer-Jablonka und ihr Kollege während der Pandemie gekommen. Für ihr Forschungsprojekt „DEFEAT Corona“ benötigten sie Blutproben von Corona-Betroffenen, um nach Zusammenhängen zwischen Blutwerten und bestimmten Symptomen einer überstandenen SARS-CoV-2-Infektion zu suchen. Da die Probandinnen und Probanden im Lockdown nicht zur MHH einbestellt werden konnten, versendeten die Forschenden fertige Blutentnahmesets und ließen sich die Blutproben per Post zurückschicken. Hierbei zeigte sich, dass gut angeleitete Probanden die selbstauslösenden Entnahmesysteme sicher nutzen konnten. Weil sich die Analysetechnik in den letzten Jahren stark verfeinert hat, genügen schon geringste Blutmengen für eine Laborbestimmung. Auch die Qualität der Blutproben kann offenbar mit denen mithalten, die von medizinischem Personal in einer Praxis oder im Krankenhausambulanzen entnommen wurden. „Das Prinzip haben wir also schon getestet“, stellt die Rheumatologin fest.

Zeitersparnis für Kranke und medizinisches Personal

Im Projekt „Blut mobil“ soll der Prozess nun auf seine Alltagstauglichkeit getestet und in die ambulante rheumatologische Versorgung übertragen werden. „Das ist ein landesweit einmaliger Ansatz in der Regelversorgung“, betont Professor Behrens. Im ersten Schritt soll eine umfassende Befragung von niedergelassenen rheumatologischen Ärztinnen und Ärzten sowie von Patientinnen und Patienten zunächst einmal klären, welche Bedürfnisse auf beiden Seiten bestehen. „Das System muss für alle möglichst einfach zu handhaben und gleichzeitig zuverlässig sein“, sagt Professorin Dopfer-Jablonka. Statt pro Quartal einmal in der fachärztlichen Praxis zu erscheinen, könnte es für chronisch Kranke künftig so ablaufen: Sie besuchen die Praxis nur einmal im Jahr und erhalten für die nächsten drei Quartale jeweils ein Blutentnahmepäckchen. Die Blutprobe wird in eine vorfrankierte und adressierte Versandbox verpackt und an das Labor verschickt, das die Blutwerte analysiert und anschließend an die Praxis weiterleitet. Die Ergebnisse können dann telefonisch oder per Videosprechstunde erfragt werden. Erforderliche Rezepte können künftig elektronisch versendet und eingelöst werden. So werden auch gleichzeitig die Praxen entlastet, die weniger Termine für Routine-Blutentnahmen einplanen müssen.

Langfristig lässt sich das System auch auf andere fachärztliche Bereiche und weitere Versorgungsangebote ausdehnen – etwa die ambulante oder stationäre Pflege, Rettungsdienste oder die medizinische Forschung. „Bislang muten wir Teilnehmenden unserer klinischen Studien mitunter für eine einzige Blutentnahme eine weite Anreise zur MHH zu“, sagt die Oberärztin. „Das ist nicht mehr zeitgemäß.“

Text: Kirsten Pötzke