MHH-Forschende untersuchen die revidierten McDonald-Kriterien zur Diagnose von Multipler Sklerose.
Die Neurologen Dr. Felix Konen (links) und Prof. Dr. Thomas Skripuletz betrachten ein Antikörper-Muster aus Liquor- und Blutserum-Proben, das für die MS-Diagnose wichtig ist. Copyright: Karin Kaiser/MHH
Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste chronische Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Eine frühzeitige und genaue Diagnose ist entscheidend, um die Wirksamkeit der Behandlung zu verbessern und Nervenschäden zu reduzieren. Um die Diagnosen zu vereinheitlichen und zu beschleunigen, wurden 2001 die sogenannten McDonald-Kriterien eingeführt und seitdem mehrfach überarbeitet, zuletzt im Jahr 2024. Sie kombinieren klinische Befunde wie etwa Sehstörungen, Gefühlsstörungen und Gangunsicherheit mit Ergebnissen der Magnetresonanztomographie (MRT), die Veränderungen im Gehirn und Rückenmark sichtbar macht, sowie Entzündungswerten im Liquor, also im Nervenwasser. 2024 wurden die Diagnosekriterien überarbeitet und erweitert. Neu hinzugekommen sind unter anderem Veränderungen des Sehnervs. Außerdem lässt sich eine Diagnose jetzt nur anhand des MRT-Bildes stellen, ohne dass bereits klinische Beschwerden vorliegen müssen. In einer Studie hat ein Forschungsteam aus der Klinik für Neurologie mit Klinischer Neurophysiologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) nun die alten und die neuen Diagnosekriterien verglichen. Das Ergebnis: Die neu mit aufgenommenen Diagnosepunkte führten dazu, dass mehr MS-Betroffene, die zuvor unentdeckt geblieben wären, frühzeitig identifiziert werden konnten. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „eClinicalMedicine – The Lancet Discovery Science“ veröffentlicht worden.
Läsionen auch im Sehnerv wichtig
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die 2024 überarbeiteten McDonald-Kriterien den Anteil der Erstdiagnosen erheblich erhöhen und zwar um fast zehn Prozentpunkte“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Thomas Skripuletz, Oberarzt an der Klinik. Bisher unklare Fälle ließen sich jetzt schneller und zuverlässiger einordnen. Die meisten zusätzlichen Diagnosen resultierten aus der Berücksichtigung des Sehnervs als fünftem Ort für Entzündungsherde, in der Fachsprache Läsionen genannt. Bislang wurden per MRT-Bildgebung Läsionen in vier betroffenen Bereichen in den Blick genommen: direkt um die mit Nervenwasser gefüllten Hirnkammern, in der Hirnrinde, im Hirnstamm oder Kleinhirn sowie im Rückenmark. „Die Einbeziehung des Sehnervs ist wichtig, weil dieser durch Entzündungen des zentralen Nervensystems ebenfalls geschädigt wird“, betont der Neurologe. Erste Anzeichen für eine MS seien daher oft Schleiersehen, Schmerzen bei der Augenbewegung und eine verminderte Farbwahrnehmung. „In unserer Studie war die Einbeziehung der Sehnervenbeteiligung der Hauptgrund für die frühere Diagnose.“
Diagnose möglich, bevor Symptome auftreten
Der Nachweis einer Sehnerventzündung lässt sich mittels MRT sowie durch die optische Kohärenztomographie (OCT) und die Messungen sogenannter visuell evozierter Potenziale (VEP) feststellen. Letztere prüfen die Leitfähigkeit und Funktionsfähigkeit der Sehbahn von der Netzhaut bis zum Gehirn. Wichtig ist auch, dass erstmals Patientinnen und Patienten mit radiologisch isoliertem Syndrom (RIS) in die MS-Diagnostik einbezogen werden konnten. „Manchmal wird ein MRT durchgeführt – etwa nach einem Unfall – und es zeigt Veränderungen, die typisch für eine MS sind“, erklärt Professor Skripuletz. Ohne klinische Beschwerden galt die MS jedoch als „nicht nachgewiesen“. „Dank der neuen Kriterien können wir die Diagnose anhand des MRT-Bildes jetzt schon früher stellen, bevor die Symptome auftreten.“
Diagnosewerkzeuge aus klinischer Routine ausreichend
Die 2024 revidierten McDonald-Kriterien nehmen auch neue MRT-Marker in den Diagnosekatalog auf. Diese wurden in der Studie jedoch nicht berücksichtigt, weil die Forschenden nur herkömmliche Diagnosewerkzeuge verwendeten, die in der routinemäßigen klinischen Praxis zur Verfügung stehen. Die Erfassung dieser neuen MRT-Marker erfordert moderne Bildgebungstechniken sowie eine hohe neuroradiologische Expertise. Der zusätzliche Nutzen dieser speziellen Bildgebung beschränkt sich zudem nur auf eine kleine Gruppe MS-Betroffener. „Die neuen MRT-Marker sind vielversprechend, doch viele Patientinnen und Patienten können bereits mithilfe bereits etablierter MRT-, VEP- und Liquordiagnostik frühzeitig diagnostiziert werden“, sagt Dr. Felix Konen, Neurologe an der Klinik und Erstautor der Studie.
Liquordiagnostik spielt zentrale Rolle
In die Diagnosekomponenten einbezogen wurde ein neuer Liquor-Biomarker, der eine Entzündung im zentralen Nervensystem anzeigt. Der sogenannte Kappa-Index zeigt MS ähnlich zuverlässig an wie die oligoklonalen Banden. Bei diesen wird das Antikörper-Muster aus Liquor- und Blutserum-Proben betrachtet und direkt miteinander verglichen. Der neue Marker lässt sich jedoch vollautomatisch und schneller im Labor messen. „Unsere Studie belegt, dass die 2024 überarbeiteten McDonald-Kriterien den Anteil der Patientinnen und Patienten, bei denen bereits bei der Erstuntersuchung MS diagnostiziert wird, erheblich erhöhen – selbst bei Verwendung herkömmlicher Diagnosewerkzeuge“, betont Professor Skripuletz. „Unsere Ergebnisse sprechen für eine pragmatische Umsetzung der überarbeiteten Kriterien in der klinischen Praxis und untermauern die zentrale Rolle der Liquordiagnostik. Mit der Aufnahme des Kappa-Index gewinnt die Liquordiagnostik zusätzlich an Bedeutung und kann zu einer schnelleren und standardisierteren Diagnosestellung beitragen. Ohne Liquordiagnostik hätte bei einem Viertel der Patientinnen und Patienten die Diagnose nach den 2024 überarbeiteten McDonald-Kriterien nicht gestellt werden können.“
Weitere Studien sollten nun den zusätzlichen potenziellen Nutzen der neuen MRT-Marker bewerten und klären, bei welchen MS-Betroffenen der zusätzliche diagnostische Gewinn den erforderlichen personellen und technischen Aufwand rechtfertige.
Stichwort: Multiple Sklerose
Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste chronische Autoimmunerkrankung des Zentralnervensystems, betrifft also Gehirn und Rückenmark. Dabei greifen fehlgeleitete Abwehrzellen die Schutzhüllen der Nervenfasern an. In der Folge entstehen Entzündungsherde (Läsionen), die Nervenimpulse werden schlechter weitergeleitet und die Nerven geschädigt. In Deutschland leben schätzungsweise mehr als 280.000 Menschen mit MS. Jährlich kommen mehr als 15.000 Erstdiagnosen hinzu. Betroffen sind vorwiegend junge Erwachsene. Die Erkrankung verläuft nicht bei jedem Betroffenen gleich. Beschwerden und Alltagseinschränkungen können unterschiedlich stark sein. Auch kann sie weitgehend unbemerkt fortschreiten. Eine frühe Diagnose ist daher umso wichtiger, um die Krankheit zu kontrollieren und langfristige Schäden am Nervensystem einzudämmen.
Die Originalarbeit “Applying the 2024-revised McDonald criteria for multiple sclerosis using conventional diagnostic tools: a single-centre prospective cohort study in Germany” finden Sie hier.
Text: Kirsten Pötzke