Forschung

Präzisionsmedizin für die Leber

Ein Team unter MHH-Leitung erforscht neue Therapien für chronisch entzündete Gallenwege.

Eine Frau liegt unter einer Apparatur. Rechts von ihr stehen zwei Personen in blauen Kitteln, sie zeigen auf einen Monitor.

Bei einer Gallengangs-Spiegelung: Dr. Friederike Klein und Prof. Dr. Benjamin Heidrich besprechen am Bildschirm, was sie endoskopisch bei der Untersuchung der Patientin sehen können. Copyight: Karin Kaiser / MHH

Ein Mann und eine Frau in blauen Kitteln.

Bei einer Gallengangs-Spiegelung: Prof. Dr. Benjamin Heidrich und Dr. Friederike Klein führen die Untersuchung endoskopisch durch. Copyight: Karin Kaiser / MHH

Um Fette aus der Nahrung verdauen zu können, braucht der Darm Galle. Diese wird in der Leber gebildet und gelangt von dort über die Gallenblase und -gänge in den Darm. Wenn sich diese Gallengänge chronisch entzünden, kann es zu quälendem Juckreiz, Müdigkeit und Gewichtsverlust sowie zu Leberversagen kommen. Häufig zieht eine „Primär sklerosierende Cholangitis“ (PSC) auch eine Lebertransplantation nach sich. Meist entwickelt sich die Erkrankung zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr. In Deutschland ist etwa einer von 10.000 Menschen betroffen.

Krankheit ist bisher unheilbar

Bisher kann PSC nicht geheilt werden. Es gibt lediglich die Möglichkeit, die Symptome zu behandeln. Beispielsweise werden Antibiotika eingesetzt, die jedoch zu breit wirken und zu Resistenzen führen. Ein Team der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und des Helmholz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) erforscht nun im Projekt „StopPSC“ einen neuen therapeutischen Ansatz – auf Basis von Grippemedikamenten. „Wir entwickeln maßgeschneiderte Therapien für die primäre sklerosierende Cholangitis mithilfe optimierter Wirkstoffe, um die Prognose von Patientinnen und Patienten zu verbessern“, sagt der Sprecher des Projekts, Prof. Dr. Benjamin Heidrich aus der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Endokrinologie der MHH.

Das Land Niedersachsen und die VolkswagenStiftung unterstützen das Projekt „Sialidase targeting pathoblocker therapy for primary sclerosing cholangitis“ (StopPSC) im Rahmen des Programms „zukunft.niedersachsen“ mit zwei Millionen Euro. Das Programm fördert Projekte, die neue Diagnosen und Therapien für seltene Erkrankungen entwickeln wollen. Als selten gelten Erkrankungen, wenn sie weniger als fünf von 10.000 Menschen betreffen. Seltene Erkrankungen sind oft besonders schwer zu diagnostizieren und zu behandeln.

Forschungsteam entwickelt Pathoblocker

Grundlage für die Forschungsarbeit ist, dass in den Gallengängen eine komplexe Gemeinschaft verschiedener Bakterienarten lebt – auch bei gesunden Menschen. Wenn bestimmte Bakterienarten verstärkt auftreten, verschlechtert sich die Erkrankung. Dabei geht es nicht um die Bakterien an sich, sondern um die von ihnen produzierten Enzyme: Die sogenannten Sialidasen greifen die Zellen der Gallengänge an, sodass diese nicht mehr vor der Gallensäure geschützt sind und sich entzünden. Im Projekt StopPSC wollen die Forschenden nun einen Wirkstoff entwickeln, der die Sialidasen gezielt hemmen kann. Solche Wirkstoffe, die von den Bakterien produzierte krankmachende Stoffe hemmen, werden Pathoblocker genannt.

Das Team untersucht zunächst am Computer und dann im Labor, ob bestimmte Grippemedikamente stark und genau genug wirken. Anschließend wollen sie herausfinden, wie die Wirkstoffe in die Gallenwege kommen und wie sich dort gut verteilen können. Ihr Ziel ist, ein Patent zu entwickeln, das Firmen zur klinischen Anwendung bringen können. StopPSC baut auf die bisherige Forschung im Rahmen des Exzellenzclusters RESIST und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) auf. Das DZIF unterstützt StopPSC ebenfalls finanziell.

Text: Bettina Bandel