Gesundheit

Telemedizin rettet Kinderleben

Datenaustausch in Echtzeit: Das Netzwerk TelePIN ermöglicht hochqualifizierte Fernbehandlungen.

Vier Ärzte stehen vor Bildschirmen und unterhalten sich. Auf den Bildschirmen ist ein Krankenhausbett in einer Kinderintensivstation zu sehen, in dem ein Säugling liegt.

Exzellentes Beispiel für Teamspirit, Digitalität und standortübergreifende Vernetzung in der Krankenversorgung: Niedersachsens Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi (2. v. l.) informiert sich bei Dr. Michael Sasse, Dr. Henning Rathert und Prof. Dr. Philipp Beerbaum über das TelePIN. Copyright: Karin Kaiser/MHH

In Deutschland ist die Versorgung schwerkranker Kinder gefährdet – es mangelt an funktionierenden Strukturen, technischer Ausstattung und vor allem Personal. Dieser fatalen Situation stemmt sich das Team der Intensivstation 67 in der Kinderklinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) entgegen. Bereits vor 20 Jahren gründete es das Pädiatrische Intensiv Netzwerk (PIN), um mit anderen Kliniken enger kooperieren zu können. Dank Telemedizin macht diese Zusammenarbeit jetzt einen Riesenschritt nach vorn: Daten, Bilder und Videos können in Echtzeit zwischen den teilnehmenden Kinderkliniken in Niedersachsen und darüber hinaus ausgetauscht werden. So kann beispielsweise ein kleines Kinderkrankenhaus bei einem komplexen Fall Expertinnen oder Experten aus einem größeren Zentrum dazuschalten. Die Untersuchung oder die Behandlung des Kindes findet dann gemeinsam live statt. Das Ganze nennt sich TelePIN.

„Es freut mich sehr, dass es gelungen ist, erstmalig in der modernen Medizingeschichte unseres Landes ein derart umfassendes Telemedizinprojekt umzusetzen. Insbesondere in Anbetracht der anstehenden Krankenhausreform wird dieses Projekt die Effektivität der zukünftigen Kliniklandschaft wesentlich erhöhen“, so Dr. Andreas Philippi. Der Niedersächsische Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung besuchte heute die MHH-Kinderklinik und informierte sich über TelePIN. 

Schwierige Versorgungssituation

Wie überall in Deutschland ist die Versorgungssituation auch in Niedersachsen regional teils sehr angespannt: „Von den insgesamt 29 Kinderkliniken haben aktuell nur vier eine spezielle Station für pädiatrische Intensivmedizin. Und in diesen Häusern können nur die Hälfte aller Kinderintensivbetten betrieben werden, weil es landesweit an Pflegefachpersonal, Ärztinnen und Ärzten fehlt“, erklärt Dr. Michael Sasse, Oberarzt der Klinik für Pädiatrische Kardiologie und Intensivmedizin und Leiter von TelePIN. Um diese Lücken wenigstens teilweise schließen zu können, initiierten er und sein Team der Kinderintensivstation 67 das neue telemedizinische Instrument. Anfang 2025 ging TelePIN in die Pilotphase. Derzeit sind sieben Kinderkliniken in Niedersachsen bereits in das System integriert, die Finanzierung von weiteren 15 Kinderkliniken in Niedersachsen und drei Kliniken in Bremen ist seit Kurzem gesichert. Die MHH-Kinderklinik fungiert als zentrale Steuereinheit.

Akutbehandlungen in Echtzeit

Der Ort des Geschehens in der Kinderklinik ist das sogenannte TelePIN-Cockpit. In diesem speziell eingerichteten Raum befindet sich die gesamte Technik für die Live-Kommunikation mit den anderen Kinderkliniken, darunter sieben riesige Bildschirme und ein mobiler Kameraroboter mit drei integrierten Kameras. Durch die Live-Schaltungen konnten bereits Kinderleben gerettet werden. „Die Technik ermöglicht uns, aus der Ferne bei Untersuchungen und Eingriffen sowohl bei der Durchführung als auch bei der Interpretation zu unterstützen“, erläutern Dr. Sasse und Dr. Henning Rathert, technischer Leiter des Projektes. Ein Beispiel: In einer teilnehmenden Kinderklinik wird ein Neugeborenes untersucht. Durch die Live-Schaltung sind bei dieser Untersuchung die MHH-Experten in Echtzeit dabei: Sie sehen Ultraschallaufnahmen, verfolgen die Herzbewegungen und beobachten die Vitalwerte des Kindes auf dem Monitor. Außer diesen Detailansichten bekommen sie auch einen Überblick über die Gesamtsituation am Patientenbett.

Flächendeckende Versorgung sicherstellen

Das System ist datenschutzkonform und eignet sich besonders gut für die Akut- und Notfallversorgung in der pädiatrischen Intensivmedizin. Ziel ist es, langfristig alle Kinderkliniken in Niedersachsen und Bremen, den angrenzenden Regionen benachbarter Bundesländer sowie die Rettungsdienste an TelePIN anzuschließen. So soll für lebensbedrohlich erkrankte Kinder flächendeckend eine hochqualifizierte Versorgung sichergestellt werden. „Dadurch reduzieren wir die Zahl der Verlegungen in andere Kinderkliniken und können den Personalmangel abfedern“, sagt Prof. Dr. Philipp Beerbaum, Direktor der Klinik für Pädiatrische Kardiologie und Intensivmedizin. Gleichzeitig ist das System – alle Kliniken können sich untereinander vernetzen – ein gutes Werkzeug zur gegenseitigen Kompetenzvermittlung. Zurzeit wird ein gemeinsames Patienten-Daten-Management-System in TelePIN integriert, ein Info-Tool über die Bettenbelegungen kann bereits genutzt werden.

Zukunftsweisendes Projekt

Das System der MHH ist technisch auf weitere intensivmedizinische Bereiche wie beispielsweise die Chirurgie, Kardiologie und Pulmologie übertragbar. „Das TelePIN ist ein exzellentes Beispiel für Teamspirit, Digitalität und standortübergreifende Vernetzung in der Krankenversorgung“, resümiert Prof. Dr. Frank Lammert, MHH-Vizepräsident und Vorstandsmitglied für das Ressort Krankenversorgung. Das Projekt wird nach den Plänen der Landesregierung aus den Mitteln des Strukturfonds II in Höhe von rund 6 Millionen Euro gefördert, die jeweils zur Hälfte von Bund und Land getragen werden.

Text: Tina Götting