Forschung

Immunzellen sollen transplantierte Organe gezielt schützen

Weniger Immunsuppressiva nach Transplantation: MHH-Team erhält 2,4 Millionen Euro, um maßgeschneiderte Zelltherapie zu erforschen.

In einem Gang stehen vier Männer und eine Frau und lächeln in die Kamera.

Das Antragstellerteam des Projekts „AgEndo“ (von links): PD Dr. Nicolaus Schwerk, Prof. Dr. Martin Böhne, PD Dr. Sybille Landwehr-Kenzel, PD Dr. Fatih Noyan, PD Dr. Alexander Horke (von links). Copyright: Karin Kaiser/MHH

Arbeitshandschuhe platzieren eine Probe in einem Behälter mit extrem niedriger Temperatur, während aufsteigender Nebel die starke Kühlung sichtbar macht.

Lagerung in Flüssigstickstoff: Zelltherapeutika wie regulatorische T-Zellen werden nach ihrer Herstellung häufig bei minus 196 Grad eingefroren. So bleiben sie bis zu ihrer Anwendung haltbar. Bildquelle: KI-generiert von F. Noyan

Die Transplantation eines Herzens oder einer Lunge kann Leben retten. Damit das Spenderorgan nicht abgestoßen wird, müssen Patientinnen und Patienten jedoch lebenslang Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken. Diese Immunsuppressiva sind wirksam, schützen aber nicht zuverlässig vor einer chronischen Organabstoßung und können erhebliche Nebenwirkungen verursachen.

Um insbesondere Kindern nach einer Herz- oder Lungentransplantation künftig eine geringere Immunsuppression sowie eine längere Organfunktion zu ermöglichen, entwickelt ein Forschungsteam der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) im Projekt „AgEndo“ eine maßgeschneiderte Zelltherapie.
Anstatt das Immunsystem pauschal zu unterdrücken, sollen körpereigene Immunzellen – sogenannte regulatorische T-Zellen (Tregs) – das transplantierte Organ gezielt schützen und für weniger Immuntherapie und eine längere Organfunktion sorgen. Damit soll sich das Leben der betroffenen Kinder und ihrer Familien verbessern. Das Land Niedersachsen und die VolkswagenStiftung fördern das Projekt mit rund 2,4 Millionen Euro für drei Jahre.

Immunsuppression an Ort und Stelle

Tregs gehören zu den natürlichen Kontrollmechanismen unseres Immunsystems. Als Gegenspieler der T-Effektorzellen beenden sie Immunreaktionen nach überstandenen Infektionen. Zudem nehmen sie eine Schlüsselrolle bei der Verhinderung von Autoimmunerkrankungen ein – also dann, wenn sich das Immunsystem gegen körpereigenes Gewebe richtet.
Tregs werden im Thymus gebildet, der oberhalb des Herzens liegt. Ein kleiner Teil von ihm muss bei vielen kinderherzchirurgischen Eingriffen entfernt werden, um Zugang zum Herzen zu erhalten. Aus diesem Gewebsstück gewinnen die Forschenden die Tregs, die sie dann im Labor selektieren, vermehren und so vorbereiten, dass sie das Spenderorgan gezielt erkennen. Da sie aus dem Körper der Organempfängerin oder des Organempfängers stammen, werden sie besonders gut vertragen.

„Wir bringen diese maßgeschneiderten Tregs dazu, sich im transplantierten Organ anzusiedeln. Somit verfolgen wir mit unserem Projekt AgEndo den Ansatz, mit körpereigenen Zellen das Organ vor den Immunreaktionen schützen, die sich gegen das Transplantat richten, anstatt das Immunsystem pauschal zu unterdrücken“, erklärt Privatdozent (PD) Dr. Fatih Noyan von der MHH-Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Endokrinologie und Forscher im Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) am Standort Hannover, BREATH. Er hat das Projekt zusammen mit PD Dr. Alexander Horke von der MHH-Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie initiiert. Neben PD Dr. Noyan und PD Dr. Horke gehören PD Dr. Sybille Landwehr-Kenzel, PD Dr. Nikolaus Schwerk und Prof. Dr. Martin Böhne zum Antragstellerteam.

Mehr Lebensqualität für die Kinder und ihre Familien

„Spenderspezifische regulatorische T-Zellen haben das Potential, die Transplantationsmedizin von Grund auf zu verändern. Sie versprechen weniger Immuntherapie und ein längeres Organüberleben.  Für die betroffenen Kinder und ihre Familien bedeutet das weniger Nebenwirkungen, weniger Klinikaufenthalte und mehr unbeschwerten Alltag“, erläutert PD Dr. Horke die Vision hinter AgEndo.

Die Ergebnisse sollen die Grundlage für klinische Studien mit den entwickelten Tregs schaffen. Langfristig könnte der Ansatz auch bei anderen Organtransplantationen, Autoimmunerkrankungen sowie der Graft-versus-Host-Erkrankung, einer immunologischen Reaktion von Spender-T-Zellen gegen den Empfänger nach Knochenmark- oder Stammzelltransplantation, eingesetzt werden.

Die MHH ist Deutschlands größtes Transplantationszentrum. Jährlich werden in der MHH 300 bis 400 Organe transplantiert. Organempfangende sind Menschen jeden Alters – vom Säugling bis zur Seniorin und zum Senior. Jedoch befinden sich viel mehr Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan als Organe zur Verfügung stehen. Allein in Deutschland warten derzeit etwa 8.200 Menschen auf Spenderorgane – insbesondere auf Nieren, Herzen, Lebern und Lungen.

Text: Bettina Bandel