Studium und Lehre

Schauspielern für die Lehre

Seit 20 Jahren im Einsatz für die Lehre: Simulationspatienten an der MHH

eine Studentin in weißem Arztkittel sitzt mit einem Simulationspatienten an einem Tisch

Simulationspatient Adrian Anders im Arzt-Patienten-Gespräch mit Medizinstudentin Tessa Pfeffer. Copyright: Janna Zurheiden/MHH

eine Medizinstudentin in weißem Kittel hält die Hand einer Simulationspatientin und führt eine Anamnese durch

Untersuchungssituationen wie hier mit Simulationspatientin Anita Pape-Schön bieten Medizinstudierenden wie Tessa Pfeffer die Gelegenheit, in geschütztem Raum die Anamnese zu üben. Copyright: Janna Zurheiden/MHH

Eigentlich kommt sie nur zum jährlichen Check-up, aber seit einigen Monaten bemerkt sie immer wieder, dass nachts ihre Hände einschlafen. In der Allgemeinarztpraxis empfängt sie eine junge Ärztin und fragt sie nach ihren Beschwerden. „Plötzlich fallen mir einfach so Gegenstände aus der Hand“, berichtet die Patientin. Die Ärztin tastet ihre Hände ab, macht ein paar Tests. „Kribbeln ihre Hände auch manchmal?“, fragt sie nach. „Ja, manchmal, jetzt auch ein wenig“.  Nach weiteren Untersuchungen steht die Diagnose schnell fest: Karpaltunnelsyndrom. Richtig gestellt hat sie in diesem Fall Medizinstudentin Tessa Pfeffer. Sie studiert im dritten Studienjahr Medizin an der MHH. Ihr gegenüber sitzt Simulationspatientin Anita Pape-Schön, 78 Jahre alt. Das Arzt-Patienten-Gespräch war nur gespielt, um der Studentin in einer möglichst realistischen Untersuchungssituation die Möglichkeit zu geben, eine eigene Anamnese durchzuführen und selbständig eine Diagnose zu stellen. Aktuell stehen an der MHH rund 80 Simulationspatientinnen und Simulationspatienten für Übungen zur ärztlichen Gesprächsführung, zur Kommunikation in schwierigen Situationen und für körperliche Untersuchungen zur Verfügung. Für die verschiedenen Einsätze werden sie vom Team des Simulationspatientenprogramms der MHH (SPP-MHH) geschult und vorbereitet. Die Leitung hat Professor Dr. Thomas von Lengerke, der das Programm seit Beginn an betreut, gemeinsam mit seinem Team der Forschungs- und Lehreinheit Medizinische Psychologie der MHH. Die Vorteile für den Einsatz von Simulationspatienten in der Lehre sind vielfältig, die wichtigsten sind der Schutz der echten Patientinnen und Patienten, die Vielfältigkeit und Wiederholbarkeit unterschiedlich schwieriger Rollen, verlässliche Prüfungen und qualifiziertes Feedback.

Seit mehr als 15 Jahren als Simulationspatientin im Gespräch mit der jüngeren Generation

Anita Pape-Schön hat schon viele solche Gesprächssituationen hinter sich, sie gehört seit mehr als 15 Jahren zum Simulationspatientenprogramm. „Ich bin damals über einen Freund dazugekommen, der ganz begeistert davon berichtet hat. Ich konnte mir das damals gut für meine Zeit im Ruhestand vorstellen“, berichtet die Hannoveranerin. „Der Kontakt zur jüngeren Generation war mir schon immer wichtig. Hier kann ich mich einbringen und den jungen Studierenden dabei auch noch helfen.“ Anita Pape-Schön freut sich auf ihre Termine, die meistens in den Übungsräumen des Skills Lab der MHH stattfinden. Die Studierenden sind dankbar, nicht nur an echten Patientinnen und Patienten üben zu können, sondern zusätzlich im geschützten Raum. „Ich hatte gerade erst meine mündlich-praktische OSCE-Prüfungen, bei denen neben ärztlichen Untersuchungen und medizinischen Fachbegriffen die strukturierte ärztliche Gesprächsführung geprüft werden“, erzählt Studentin Tessa Pfeffer. Die Übung mit den Simulationspatienten habe ihr sehr geholfen, um sich auf diese Prüfung und auf die spätere Praxis vorzubereiten. „Sie haben mir vor allem gezeigt, dass es neben fachlichen Fähigkeiten genauso wichtig ist, auf den einzelnen Menschen und die jeweilige Situation eingehen zu können.“ Das ist auch Adrian Anders wichtig. Vor zwei Jahren ist er als Simulationspatient dazugekommen und stellt sein schauspielerisches Talent gerne für die Lehre zur Verfügung. „Ganz nebenbei lerne ich dabei auch noch ganz viel über Krankheiten und meinen eigenen Körper“, ergänzt er.

Modellstudiengang HannibaL brachte Simulationspatientenprogramm vor 20 Jahren auf den Weg

Die Forschungs- und Lehreinheit Medizinische Psychologie der MHH hat das Simulationspatienten-Programm vor 20 Jahren zum Start des Modellstudiengangs HannibaL initiiert. „Damit sollte dem Modellgedanken Rechnung getragen werden, den Medizinstudierenden von Anfang an möglichst viel Gelegenheit zum praktischen Üben zu ermöglichen. Die Simulationspatienten stellen sich unseren Studierenden für Übungen zur Verfügung, damit sie Handlungskompetenzen aufbauen können, die für ihre spätere ärztliche Tätigkeit wichtig sind“, erklärt Psychologe Professor Dr. Thomas von Lengerke, Leiter des Programms, das er an der MHH aufgebaut hat und seitdem betreut. War der Einsatz der Simulationspatienten zunächst im Modul Diagnostische Methoden und in den OSCE-Prüfungen vorgesehen, erweiterte sich das Programm nach und nach auf zusätzliche Module und Wahlfächer sowie auf andere Studiengänge der MHH wie Zahnmedizin, Public Health und Hebammenwissenschaft. Auch in der Ausbildung von Diätassistentinnen und Diätassistenten und bei Kenntnisprüfungen der Ärztekammer Niedersachsen für Ärztinnen und Ärzte, die ihre Ausbildung im Ausland abgeschlossen haben, kommen sie mittlerweile zum Einsatz. „Wir können an der MHH auf Simulationspatienten in der Lehre gar nicht mehr verzichten“, betont Professor von Lengerke. Zu seinem Team gehört Psychologin Svenja Kümmel, die das Programm koordiniert und die vielfältigen Einsatzbereiche aufzeigt: „Wir setzen unsere Simulationspatientinnen und Simulationspatienten sowohl in der Lehre als auch in Prüfungen ein, hier sowohl in der Gesprächsführung als auch in der Kommunikation, wo es um die Anamnese und die Simulationen von körperlichen Untersuchungen oder um das Überbringen von schwierigen oder schlechten Nachrichten und bestimmten Diagnosen geht.“

Neue Simulationspatientinnen und -patienten gesucht

Bewerbungen neuer Simulationspatientinnen und Simulationspatienten sind jederzeit willkommen. Dazu sollte neben Kontaktfreude und Spaß an der Schauspielerei auch die Bereitschaft und die Möglichkeit bestehen, unter der Woche als Simulationspatient oder Simulationspatientin tätig zu sein. Bewerbungen bitte online unter https://www.mhh.de/simulationspatienten/ oder per Mail an: simulationspatienten@mh-hannover.de.

Text: Bettina Dunker