Psychiatrie des Prader-Willi-Syndroms

Forschungsgruppenleitung: Dr. med. Christian Eberlein

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Hintergrund

Menschen mit seltenen genetischen Syndromen haben ein deutlich erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Störung zu erkranken – gleichzeitig ist ihr Zugang zu fachpsychiatrischer Diagnostik und Behandlung im deutschen Versorgungssystem strukturell erschwert. Für das Prader-Willi-Syndrom (PWS), eine durch Fehler der genomischen Prägung im Chromosomenabschnitt 15q11.2-q13 verursachte Erkrankung mit einer Prävalenz von etwa 1:10.000 bis 1:30.000, gilt dies in besonderem Maße: Neben Muskelhypotonie, Hyperphagie mit konsekutiver Adipositas, Hypogonadismus und Kleinwuchs bestimmen vor allem psychische Symptome und Verhaltensauffälligkeiten – affektive Störungen, psychotische Episoden, Impulsdurchbrüche („temper outbursts“), Zwangssymptome, Skin Picking und ausgeprägte Schlaf-Wach-Störungen – die Lebensqualität und die Teilhabemöglichkeiten der Betroffenen und ihrer Familien.

Ein zentraler Schwerpunkt unserer Arbeitsgruppe liegt auf der klinischen Charakterisierung psychischer Erkrankungen bei PWS im Erwachsenenalter. Die Diagnosestellung ist bei Menschen mit Intelligenzminderung erschwert, da die Standardkriterien der ICD nicht unmittelbar anwendbar sind und die Symptompräsentation atypisch verlaufen kann. Wir untersuchen daher, welche standardisierten und syndromspezifisch adaptierten Erhebungsinstrumente eine valide Befunderhebung ermöglichen und wie sich Häufigkeit, Symptombild und Verlauf psychischer Erkrankungen über die Lebensspanne darstellen – insbesondere im höheren Erwachsenenalter, das durch die deutlich gestiegene Lebenserwartung von Menschen mit PWS zunehmend an Bedeutung gewinnt, in der bisherigen Studienlage jedoch kaum abgebildet ist.

Ein zweiter Schwerpunkt ist die Genotyp-Phänotyp-Beziehung. Die drei genetischen Subtypen des PWS – die paternale Deletion 15q11-q13, die maternale uniparentale Disomie 15 und Imprinting-Defekte – unterscheiden sich in ihrem psychiatrischen Risikoprofil erheblich. Die bisher vorliegenden Arbeiten beruhen überwiegend auf kleinen Fallzahlen und unvollständiger genetischer Subtypisierung. Wir charakterisieren mit genetischen und molekularen Methoden die Genotyp-Phänotyp Beziehung. Darauf aufbauend bieten wir klinisch den Patient:innen unserer Spezialsprechstunde eine genetische Subtypisierung an und verknüpfen diese systematisch mit standardisierter psychopathologischer Befunderhebung.

Ein dritter Schwerpunkt liegt auf der Psychopharmakotherapie und Arzneimittelsicherheit. Für die Behandlung psychischer Erkrankungen bei PWS existieren bislang keine evidenzbasierten Therapieempfehlungen; Dosisbereiche, Wirksamkeit und Nebenwirkungsprofile weichen erfahrungsgemäß deutlich von der Allgemeinbevölkerung ab. Wir erfassen daher Behandlungsverläufe und unerwünschte Arzneimittelwirkungen systematisch und arbeiten an der Entwicklung konsentierter Behandlungsempfehlungen.

Methodisch verbindet unsere Arbeitsgruppe klinische und Versorgungsforschung mit molekularbiologischen - epigenetischen, proteomischen und metabolomischen - Analysen. Die molekularbiologischen Arbeiten erfolgen in enger Kooperation mit der Arbeitsgruppe Molekulare Neurowissenschaften (Leitung: Prof. Dr. rer. nat. Peter Claus), deren methodisches Spektrum von methylierungsspezifischer qPCR über Sanger-, NGS- und Nanopore-Sequenzierung bis zu stammzellbasierten neuronalen in-vitro-Modellen reicht.

Übergeordnete Ziele

Unsere Forschung hat das Ziel, die psychiatrische Versorgung von Menschen mit Prader-Willi-Syndrom und anderen seltenen genetischen Syndromen evidenzbasiert zu verbessern und zugleich die neurobiologischen Mechanismen zu verstehen, die der Entstehung psychischer Symptome bei diesen Erkrankungen zugrunde liegen.

Zentrale Ziele unserer Arbeit sind:

  • Etablierung einer standardisierten, für Menschen mit Intelligenzminderung validierten psychiatrischen Diagnostik bei seltenen genetischen Syndromen
  • Systematische prospektive Erfassung von Häufigkeit, Art, Symptombild und Verlauf psychischer Erkrankungen bei PWS über die gesamte Lebensspanne des Erwachsenenalters
  • Differenzierung des psychiatrischen Phänotyps zwischen den genetischen Subtypen des PWS
  • Entwicklung und Konsentierung evidenzbasierter Empfehlungen zur Psychopharmakotherapie bei PWS unter besonderer Berücksichtigung der Arzneimittelsicherheit
  • Identifikation molekularbiologischer und epigenetischer Marker als Risiko- und Prädiktionsfaktoren für psychische Erkrankungen bei PWS
  • Etablierung von Früherkennungsansätzen zur Prävention schwerer und chronifizierter Krankheitsverläufe
  • Analyse von Versorgungsstrukturen, Bedarfen und Barrieren in der psychiatrischen Versorgung von Menschen mit Intelligenzminderung und Übertragung der Erkenntnisse in die Versorgungspraxis
  • Übertragung der am PWS entwickelten Konzepte auf weitere seltene syndromale Erkrankungen

Auswahl aktueller Projekte

Klinik

Spezialsprechstunde „Seelische Gesundheit bei seltenen syndromalen Erkrankungen“

Die Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der MHH bietet seit mehreren Jahren ein spezialisiertes ambulantes Behandlungsangebot für Erwachsene mit psychischen Erkrankungen bei seltenen genetischen Syndromen und Intelligenzminderung und gehört damit bundesweit zu den wenigen psychiatrischen Kliniken mit einem umfassenden psychiatrischen Angebot für diese Patientengruppe. Der Schwerpunkt liegt auf dem Prader-Willi-Syndrom.

Das Angebot umfasst ausführliche syndromspezifische Diagnostik, Pharmakotherapie und Verlaufskontrolle, die Beratung von Angehörigen und rechtlichen Betreuer:innen sowie die fachliche Begleitung von Mitarbeitenden in Wohn- und Betreuungseinrichtungen. Die Behandlung erfolgt sowohl in der Institutsambulanz vor Ort als auch im Rahmen von Heimvisiten in spezialisierten Wohneinrichtungen in Norddeutschland. Die Sprechstunde bildet zugleich die klinische Basis des PSY-PWS-Registers.

Kontakt / Terminvereinbarung über unsere Institutsambulanz:

Sprechstunde "Seelische Gesundheit bei seltenen syndromalen Erkankungen "

☎   0511 532 - 3167

9.00 Uhr bis 12.00 Uhr

Nennenswerte wissenschaftliche Kollaborationen

Forschungsgruppenmitglieder

Forschungsgruppenleitung

Dr. med. Christian Eberlein

Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Leiter der Spezialsprechstunde „Seelische Gesundheit bei seltenen syndromalen Erkrankungen“

Telefon: +49 511 532 3167
Telefax: +49 511 532 3168

E-Mail: eberlein.christian@mh-hannover.de

Forschungsschwerpunkte:

  • Erforschung der neurobiologischen Grundlagen psychischer Erkrankungen bei Menschen mit Prader-Willi-Syndrom
  • Klinische Forschung und Versorgungsforschung zu Art, Häufigkeit und Symptomatik psychischer Erkrankungen sowie zu medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapieoptionen bei PWS
  • Psychische Erkrankungen bei weiteren seltenen syndromalen Erkrankungen

 

Exzellenz auf einen Blick (Mitgliedschaften):

  • Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN)
  • Arbeitsgemeinschaft für Neuropsychopharmakologie und Pharmakopsychiatrie e.V. (AGNP)
  • Deutsche Balint-Gesellschaft e.V. (DBG)
  • PWSVD - Prader-Willi-Syndrom Vereinigung Deutschland e.V. (PWSVD)
  • International Prader-Willi Syndrome Organisation (IPWSO) Mental Health Network (IMHN)

Publikationen: PubMed

 

Weitere Mitglieder

Maximilian Jakob (E-Mail: Jakob.Maximilian@mh-hannover.de)
Angelina Jechalke (E-Mail: Jechalke.Angelina@mh-hannover.de)
Gesa Ordon (E-Mail: Ordon.Gesa@mh-hannover.de)

Ausgewählte Publikationen

  • Eberlein CK, Jakob M, Jechalke A, Ordon G. Psychiatrische Herausforderungen beim Prader-Willi-Syndrom. Nervenarzt. 2026;97(4):339–344. DOI
  • Wieting J, Herrmann T, Deest-Gaubatz S, Eberlein CK, Bleich S, Frieling H, Deest M. Psychiatric care for people with Prader-Willi syndrome – characteristics, needs and barriers. J Appl Res Intellect Disabil. 2024;37(4):e13266. DOI
  • Wieting J, Jahn K, Eberlein CK, Bleich S, Frieling H, Deest M. Hypomethylation of the dopamine transporter (DAT) gene promoter is associated with hyperphagia-related behavior in Prader-Willi syndrome: a case-control study. Behav Brain Res. 2023;450:114494. DOI
  • Deest M, Wieting J, Jakob MM, Deest-Gaubatz S, Groh A, Seifert J, Toto S, Bleich S, Frieling H, Eberlein CK. Aripiprazole treatment for temper outbursts in Prader-Willi syndrome. Orphanet J Rare Dis. 2022;17(1):324. DOI
  • Wieting J, Jahn K, Buchholz V, Lichtinghagen R, Deest-Gaubatz S, Bleich S, Eberlein CK, Deest M, Frieling H. Alteration of serum leptin and LEP/LEPR promoter methylation in Prader-Willi syndrome. Psychoneuroendocrinology. 2022;143:105857. DOI
  • Heseding HM, Jahn K, Eberlein CK, Wieting J, Maier HB, Proskynitopoulos PJ, Glahn A, Bleich S, Frieling H, Deest M. Distinct promoter regions of the oxytocin receptor gene are hypomethylated in Prader-Willi syndrome and in Prader-Willi syndrome associated psychosis. Transl Psychiatry. 2022;12(1):246. DOI