Hintergrund
Menschen mit seltenen genetischen Syndromen haben ein deutlich erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Störung zu erkranken – gleichzeitig ist ihr Zugang zu fachpsychiatrischer Diagnostik und Behandlung im deutschen Versorgungssystem strukturell erschwert. Für das Prader-Willi-Syndrom (PWS), eine durch Fehler der genomischen Prägung im Chromosomenabschnitt 15q11.2-q13 verursachte Erkrankung mit einer Prävalenz von etwa 1:10.000 bis 1:30.000, gilt dies in besonderem Maße: Neben Muskelhypotonie, Hyperphagie mit konsekutiver Adipositas, Hypogonadismus und Kleinwuchs bestimmen vor allem psychische Symptome und Verhaltensauffälligkeiten – affektive Störungen, psychotische Episoden, Impulsdurchbrüche („temper outbursts“), Zwangssymptome, Skin Picking und ausgeprägte Schlaf-Wach-Störungen – die Lebensqualität und die Teilhabemöglichkeiten der Betroffenen und ihrer Familien.
Ein zentraler Schwerpunkt unserer Arbeitsgruppe liegt auf der klinischen Charakterisierung psychischer Erkrankungen bei PWS im Erwachsenenalter. Die Diagnosestellung ist bei Menschen mit Intelligenzminderung erschwert, da die Standardkriterien der ICD nicht unmittelbar anwendbar sind und die Symptompräsentation atypisch verlaufen kann. Wir untersuchen daher, welche standardisierten und syndromspezifisch adaptierten Erhebungsinstrumente eine valide Befunderhebung ermöglichen und wie sich Häufigkeit, Symptombild und Verlauf psychischer Erkrankungen über die Lebensspanne darstellen – insbesondere im höheren Erwachsenenalter, das durch die deutlich gestiegene Lebenserwartung von Menschen mit PWS zunehmend an Bedeutung gewinnt, in der bisherigen Studienlage jedoch kaum abgebildet ist.
Ein zweiter Schwerpunkt ist die Genotyp-Phänotyp-Beziehung. Die drei genetischen Subtypen des PWS – die paternale Deletion 15q11-q13, die maternale uniparentale Disomie 15 und Imprinting-Defekte – unterscheiden sich in ihrem psychiatrischen Risikoprofil erheblich. Die bisher vorliegenden Arbeiten beruhen überwiegend auf kleinen Fallzahlen und unvollständiger genetischer Subtypisierung. Wir charakterisieren mit genetischen und molekularen Methoden die Genotyp-Phänotyp Beziehung. Darauf aufbauend bieten wir klinisch den Patient:innen unserer Spezialsprechstunde eine genetische Subtypisierung an und verknüpfen diese systematisch mit standardisierter psychopathologischer Befunderhebung.
Ein dritter Schwerpunkt liegt auf der Psychopharmakotherapie und Arzneimittelsicherheit. Für die Behandlung psychischer Erkrankungen bei PWS existieren bislang keine evidenzbasierten Therapieempfehlungen; Dosisbereiche, Wirksamkeit und Nebenwirkungsprofile weichen erfahrungsgemäß deutlich von der Allgemeinbevölkerung ab. Wir erfassen daher Behandlungsverläufe und unerwünschte Arzneimittelwirkungen systematisch und arbeiten an der Entwicklung konsentierter Behandlungsempfehlungen.
Methodisch verbindet unsere Arbeitsgruppe klinische und Versorgungsforschung mit molekularbiologischen - epigenetischen, proteomischen und metabolomischen - Analysen. Die molekularbiologischen Arbeiten erfolgen in enger Kooperation mit der Arbeitsgruppe Molekulare Neurowissenschaften (Leitung: Prof. Dr. rer. nat. Peter Claus), deren methodisches Spektrum von methylierungsspezifischer qPCR über Sanger-, NGS- und Nanopore-Sequenzierung bis zu stammzellbasierten neuronalen in-vitro-Modellen reicht.
Übergeordnete Ziele
Unsere Forschung hat das Ziel, die psychiatrische Versorgung von Menschen mit Prader-Willi-Syndrom und anderen seltenen genetischen Syndromen evidenzbasiert zu verbessern und zugleich die neurobiologischen Mechanismen zu verstehen, die der Entstehung psychischer Symptome bei diesen Erkrankungen zugrunde liegen.
Zentrale Ziele unserer Arbeit sind:
- Etablierung einer standardisierten, für Menschen mit Intelligenzminderung validierten psychiatrischen Diagnostik bei seltenen genetischen Syndromen
- Systematische prospektive Erfassung von Häufigkeit, Art, Symptombild und Verlauf psychischer Erkrankungen bei PWS über die gesamte Lebensspanne des Erwachsenenalters
- Differenzierung des psychiatrischen Phänotyps zwischen den genetischen Subtypen des PWS
- Entwicklung und Konsentierung evidenzbasierter Empfehlungen zur Psychopharmakotherapie bei PWS unter besonderer Berücksichtigung der Arzneimittelsicherheit
- Identifikation molekularbiologischer und epigenetischer Marker als Risiko- und Prädiktionsfaktoren für psychische Erkrankungen bei PWS
- Etablierung von Früherkennungsansätzen zur Prävention schwerer und chronifizierter Krankheitsverläufe
- Analyse von Versorgungsstrukturen, Bedarfen und Barrieren in der psychiatrischen Versorgung von Menschen mit Intelligenzminderung und Übertragung der Erkenntnisse in die Versorgungspraxis
- Übertragung der am PWS entwickelten Konzepte auf weitere seltene syndromale Erkrankungen
Auswahl aktueller Projekte
PSY-PWS ist das zentrale Projekt unserer Arbeitsgruppe und bildet die Datengrundlage für den überwiegenden Teil unserer weiteren Forschungsvorhaben. Es handelt sich um eine monozentrische, prospektive Beobachtungsstudie in Form eines Patientenregisters, das an der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der MHH geführt wird.
Eingeschlossen werden erwachsene Patient:innen mit genetisch gesichertem Prader-Willi-Syndrom, die sich in Behandlung unserer Spezialsprechstunde befinden. Da es sich um ein Register handelt, ist die Studiendauer nicht befristet; pro Jahr ist von etwa 50 behandelten Patient:innen auszugehen.
Erhoben werden eine strukturierte psychiatrische Befunderhebung unter Einsatz speziell für Menschen mit Intelligenzminderung entwickelter psychometrischer Verfahren (u. a. PAS-ADD, ABC, VFE-ER, Hyperphagia Questionnaire, DOTES), der genetische Subtyp, Behandlungsverläufe einschließlich unerwünschter Arzneimittelwirkungen sowie Blut- und Serumproben für molekularbiologische Analysen. Verlaufsvisiten erfolgen nach drei, sechs und zwölf Monaten sowie bei klinischem Bedarf in kürzeren Intervallen.
Primärer Endpunkt: Erhebung und Charakterisierung von Prävalenz und Präsentation psychischer Erkrankungen sowie deren Behandlungsverlauf.
Sekundäre Endpunkte: Evaluation etablierter und neuer diagnostischer Qualitätsstandards bei Intelligenzminderung; Unterschiede in Prävalenz, Symptombild und Therapieverlauf zwischen den genetischen Subtypen; systematische Erfassung unerwünschter Arzneimittelwirkungen; molekularbiologische Risikofaktorenanalyse mit Fokus auf neurotrophe Faktoren (FGF2, BDNF, VEGF, GDNF) auf Expressions- und Methylierungsebene.
Projektleitung: Dr. med. Christian Eberlein
Projektmitarbeitende: Maximilian Jakob, Angelina Jechalke, Gesa Ordon
Molekularbiologische Projektleitung: Dr. rer. nat. Alexandra Burkert
Die drei genetischen Subtypen des PWS unterscheiden sich nicht nur genetisch, sondern auch klinisch: Für die maternale uniparentale Disomie ist ein deutlich erhöhtes Risiko für Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis beschrieben, während bei der paternalen Deletion andere Verhaltensphänotypen im Vordergrund stehen. Die vorliegende Evidenz beruht jedoch auf kleinen, teilweise nicht vollständig subtypisierten Kohorten.
Auf Basis der PSY-PWS-Registerdaten charakterisieren wir den psychiatrischen Phänotyp Genotyp-stratifiziert und verknüpfen die klinischen Daten mit epigenetischen Analysen kandidatengestützter Zielregionen. Vorarbeiten unserer Gruppe konnten bereits eine Hypomethylierung distinkter Promotorregionen des Oxytocinrezeptorgens bei PWS und PWS-assoziierter Psychose sowie eine Hypomethylierung des Dopamintransporter-Promotors in Assoziation mit hyperphagiebezogenem Verhalten zeigen. Diese Befunde werden derzeit in einer erweiterten Kohorte und mit Nanopore-basierten Sequenzierverfahren validiert und um weitere Zielregionen ergänzt.
Die Analysen erfolgen in Kooperation mit der Arbeitsgruppe Molekulare Neurowissenschaften (Prof. Dr. Peter Claus), die experimentelle Konzepte aus der Forschung an monogenen Erkrankungen auf das Prader-Willi-Syndrom überträgt.
Projektleitung: Dr. med. Christian Eberlein
Projektmitarbeitende: Maximilian Jakob, Angelina Jechalke, Gesa Ordon
Kooperation: Prof. Dr. rer. nat. Peter Claus, Dr. rer. nat. Alexandra Burkert (methylierungsspezifische qPCR, Sanger- und Nanopore-Sequenzierung), Dr. med. Kirsten Jahn, PhD (epigenetische Analytik, neuronale in-vitro-Modelle), Dipl.-Biol. Vanessa Buchholz, PD Dr. med. Maximilian Deest, Dr. med. Jelte Wieting
Für die Behandlung psychischer Erkrankungen bei Menschen mit Prader-Willi-Syndrom existieren bislang keine leitliniengestützten Empfehlungen. Die Behandlung erfolgt daher weitgehend off-label und auf Basis von Einzelfallerfahrung, obwohl sowohl das Ansprechen als auch das Nebenwirkungsprofil erheblich von dem der Allgemeinbevölkerung abweichen können – etwa hinsichtlich metabolischer Nebenwirkungen, sedierender Effekte oder paradoxer Reaktionen.
Unsere Arbeitsgruppe verfolgt hier einen dreigliedrigen Ansatz:
- Registerbasierte Wirksamkeits- und Sicherheitsanalysen: Auswertung der im PSY-PWS-Register systematisch erfassten Behandlungsverläufe, Dosisbereiche und unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Vorarbeiten unserer Gruppe zur Behandlung von Impulsdurchbrüchen mit Aripiprazol konnten hier bereits erste Hinweise auf ein günstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis liefern.
- Anbindung an die Arzneimittelsicherheitsforschung: Nutzung der an der Klinik etablierten Strukturen zur Erfassung unerwünschter Arzneimittelwirkungen in der Psychiatrie.
- Internationale Konsensbildung: Vorbereitung einer internationalen Delphi-Studie zur Konsentierung von Behandlungsempfehlungen zur Psychopharmakotherapie bei PWS unter Beteiligung klinisch tätiger Expert:innen aus europäischen und außereuropäischen PWS-Zentren.
Projektleitung: Dr. med. Christian Eberlein
Projektmitarbeitende: Maximilian Jakob, Angelina Jechalke, Gesa Ordon
Menschen mit einer Intelligenzminderung und komorbider psychischer Erkrankung sind in besonderem Maße auf spezialisierte Behandlungsangebote angewiesen, die im deutschen Versorgungssystem nur punktuell vorgehalten werden. In einer vorangegangenen Untersuchung konnten wir Charakteristika, Bedarfe und Barrieren der psychiatrischen Versorgung von Menschen mit PWS systematisch erfassen.
Aufbauend darauf untersuchen wir Versorgungspfade, Wohn- und Betreuungsformen, den Übergang von der pädiatrischen in die Erwachsenenmedizin sowie rechtliche Rahmenbedingungen der Behandlung – einschließlich betreuungsrechtlicher Fragestellungen und der Einwilligungsfähigkeit. Ein besonderer Fokus liegt auf der Schnittstelle zwischen ambulanter fachpsychiatrischer Behandlung und den Einrichtungen der Eingliederungshilfe.
Projektleitung: Dr. med. Christian Eberlein
Projektmitarbeitende: Maximilian Jakob, Angelina Jechalke, Gesa Ordon
Klinik
Spezialsprechstunde „Seelische Gesundheit bei seltenen syndromalen Erkrankungen“
Die Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der MHH bietet seit mehreren Jahren ein spezialisiertes ambulantes Behandlungsangebot für Erwachsene mit psychischen Erkrankungen bei seltenen genetischen Syndromen und Intelligenzminderung und gehört damit bundesweit zu den wenigen psychiatrischen Kliniken mit einem umfassenden psychiatrischen Angebot für diese Patientengruppe. Der Schwerpunkt liegt auf dem Prader-Willi-Syndrom.
Das Angebot umfasst ausführliche syndromspezifische Diagnostik, Pharmakotherapie und Verlaufskontrolle, die Beratung von Angehörigen und rechtlichen Betreuer:innen sowie die fachliche Begleitung von Mitarbeitenden in Wohn- und Betreuungseinrichtungen. Die Behandlung erfolgt sowohl in der Institutsambulanz vor Ort als auch im Rahmen von Heimvisiten in spezialisierten Wohneinrichtungen in Norddeutschland. Die Sprechstunde bildet zugleich die klinische Basis des PSY-PWS-Registers.
Kontakt / Terminvereinbarung über unsere Institutsambulanz:
Sprechstunde "Seelische Gesundheit bei seltenen syndromalen Erkankungen "
☎ 0511 532 - 3167
9.00 Uhr bis 12.00 Uhr
Nennenswerte wissenschaftliche Kollaborationen
- Arbeitsgruppe Molekulare Neurowissenschaften, Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie (Prof. Dr. rer. nat. Peter Claus) – epigenetische und multidimensionale Analysen; enge methodische Anbindung an das dortige Konzept einer neurobiologischen Sozialpsychiatrie sowie an die Übertragung experimenteller Konzepte aus der Forschung an monogenen Erkrankungen auf das Prader-Willi-Syndrom
- Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie – AMSP (PD Dr. med. Sermin Toto)
- Institut für Humangenetik, MHH (Prof. Dr. med. Nataliya Di Donato, Dr. med. Bernd Auber, MBA)
- PWS-Spezialzentren: Diakovere Annastift, Bruno-Valentin-Institut MZEB
- Prader-Willi-Syndrom Vereinigung Deutschland e. V.
- International Prader-Willi Syndrome Organisation
Forschungsgruppenmitglieder
Forschungsgruppenleitung
Dr. med. Christian Eberlein
Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Leiter der Spezialsprechstunde „Seelische Gesundheit bei seltenen syndromalen Erkrankungen“
Telefon: +49 511 532 3167
Telefax: +49 511 532 3168
E-Mail: eberlein.christian@mh-hannover.de
Forschungsschwerpunkte:
- Erforschung der neurobiologischen Grundlagen psychischer Erkrankungen bei Menschen mit Prader-Willi-Syndrom
- Klinische Forschung und Versorgungsforschung zu Art, Häufigkeit und Symptomatik psychischer Erkrankungen sowie zu medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapieoptionen bei PWS
- Psychische Erkrankungen bei weiteren seltenen syndromalen Erkrankungen
Exzellenz auf einen Blick (Mitgliedschaften):
- Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN)
- Arbeitsgemeinschaft für Neuropsychopharmakologie und Pharmakopsychiatrie e.V. (AGNP)
- Deutsche Balint-Gesellschaft e.V. (DBG)
- PWSVD - Prader-Willi-Syndrom Vereinigung Deutschland e.V. (PWSVD)
- International Prader-Willi Syndrome Organisation (IPWSO) Mental Health Network (IMHN)
Publikationen: PubMed
Weitere Mitglieder
Maximilian Jakob (E-Mail: Jakob.Maximilian@mh-hannover.de)
Angelina Jechalke (E-Mail: Jechalke.Angelina@mh-hannover.de)
Gesa Ordon (E-Mail: Ordon.Gesa@mh-hannover.de)
Ausgewählte Publikationen
- Eberlein CK, Jakob M, Jechalke A, Ordon G. Psychiatrische Herausforderungen beim Prader-Willi-Syndrom. Nervenarzt. 2026;97(4):339–344. DOI
- Wieting J, Herrmann T, Deest-Gaubatz S, Eberlein CK, Bleich S, Frieling H, Deest M. Psychiatric care for people with Prader-Willi syndrome – characteristics, needs and barriers. J Appl Res Intellect Disabil. 2024;37(4):e13266. DOI
- Wieting J, Jahn K, Eberlein CK, Bleich S, Frieling H, Deest M. Hypomethylation of the dopamine transporter (DAT) gene promoter is associated with hyperphagia-related behavior in Prader-Willi syndrome: a case-control study. Behav Brain Res. 2023;450:114494. DOI
- Deest M, Wieting J, Jakob MM, Deest-Gaubatz S, Groh A, Seifert J, Toto S, Bleich S, Frieling H, Eberlein CK. Aripiprazole treatment for temper outbursts in Prader-Willi syndrome. Orphanet J Rare Dis. 2022;17(1):324. DOI
- Wieting J, Jahn K, Buchholz V, Lichtinghagen R, Deest-Gaubatz S, Bleich S, Eberlein CK, Deest M, Frieling H. Alteration of serum leptin and LEP/LEPR promoter methylation in Prader-Willi syndrome. Psychoneuroendocrinology. 2022;143:105857. DOI
- Heseding HM, Jahn K, Eberlein CK, Wieting J, Maier HB, Proskynitopoulos PJ, Glahn A, Bleich S, Frieling H, Deest M. Distinct promoter regions of the oxytocin receptor gene are hypomethylated in Prader-Willi syndrome and in Prader-Willi syndrome associated psychosis. Transl Psychiatry. 2022;12(1):246. DOI