MHH-Forschende untersuchen, warum Lungentransplantierte unterschiedlich lange mit ihrem Spenderorgan weiterleben können.
Suchen Biomarker für längeres Überleben nach Lungentransplantation (von links) PD Dr. Lavinia Neubert, Doktorandin Edith Katharina Schwarz und PD Dr. Jan-Christopher Kamp. Copyright: Karin Kaiser/MHH
Die Lungentransplantation ist eine lebensrettende Therapie für Menschen, deren Lunge so schwer erkrankt ist, dass sie endgültig zu versagen droht. Die Behandlungsmethode ist mittlerweile etabliert. Weil Spenderorgane fehlen, bleibt sie jedoch weltweit eher die Ausnahme. Im Jahr 2026 wurde an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), einem der führenden europäischen Zentren für Lungentransplantationen, bereits die dreitausendste Lunge transplantiert. Trotz bedeutender Fortschritte gibt es große Unterschiede, wie gut die neue Lunge funktioniert und wie lange die transplantierten Patientinnen und Patienten damit weiterleben können.
Ein Forschungsteam um Privatdozentin (PD) Dr. Lavinia Neubert, Pathologin und Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Lungenforschung am Institut für Pathologie der MHH, und PD Dr. Jan-Christopher Kamp, Co-Leiter der interdisziplinären Arbeitsgruppe und Mediziner an der MHH-Klinik für Pneumologie und Infektiologie, möchten nun herausfinden, wie der voraussichtliche Erfolg von Lungentransplantationen besser eingeschätzt und die Überlebensrate nach Transplantationen erhöht werden kann. Das Projekt ist am 1. Juni 2026 gestartet und auf zweieinhalb Jahre angelegt. Das Land Niedersachsen und die Volkswagen-Stiftung unterstützen das Vorhaben mit rund 465.000 Euro im Rahmen der Förderlinie „Seltene Erkrankungen“ des Programms „zukunft.niedersachsen“. Unterstützt werden Projekte, die neue Diagnosen und Therapien für Seltene Erkrankungen entwickeln wollen. Als „selten“ gelten Krankheiten, wenn sie weniger als fünf von 10.000 Menschen betreffen. Sie sind oft besonders schwer zu diagnostizieren und zu behandeln.
Überlebenszeit dringend verbessern
„Die Überlebenszeit nach einer Lungentransplantation hat sich in den vergangenen Jahren zwar verlängert, jedoch verstirbt noch immer die Hälfte aller Transplantierten nach etwa sechs bis zehn Jahren“, sagt PD Dr. Lavinia Neubert. „Das müssen wir dringend verbessern.“ Eine der häufigsten Todesursachen ist die sogenannte chronische Lungentransplantatdysfunktion (CLAD) oder „chronische Abstoßung“. In Folge verliert das Transplantat seine Funktion. „Die entscheidende Frage ist, warum es einigen Menschen nach einer Lungentransplantation gut geht und anderen nicht“, stellt PD Dr. Kamp fest. Das Forschungsteam legt den Fokus auf die Gruppe der „Super-Survivors“, die über mindestens drei Jahre keine Hinweise auf eine Transplantatdysfunktion zeigen. Bei dieser Gruppe lassen sich viele sogenannte Alveolarmakrophagen in den Lungenbläschen finden. Die schützende und regulatorische Rolle dieser Immunzellen nach der Transplantation konnte Edith Schwarz, Doktorandin und Mitglied der AG Lungenforschung, vor kurzem in einer Studie nachweisen. Das Biomarker-Projekt soll nun auf diesen Ergebnissen aufbauen.
Immunzellen steuern Entzündungen in der Lunge
Ziel ist es, die Makrophagen-Varianten und Signalwege zu finden, die möglicherweise eine Rolle bei der Transplantattoleranz und dem Überleben spielen. „Es gibt Makrophagen, welche die Lunge schützen und solche, die an einer entzündlichen Immunreaktion der Lunge beteiligt sind und so möglicherweise chronische Abstoßungsreaktionen fördern“, erklärt PD Dr. Kamp. „Wir wollten herausfinden, welche Bedingungen zu welchem Zeitpunkt nach der Transplantation dazu führen, dass sich die Makrophagen zu dem schützenden oder dem entzündlichen Typ entwickeln.“ Daraufhin analysierten die Forschenden das Lungengewebe von Super-Survivors, Transplantierten mit bestätigter CLAD sowie Gesunden. „Dort haben wir Zielstrukturen gefunden, die einen Hinweis auf die Rolle der Immunzellen bei den Entzündungsreaktionen in der Lunge geben“, sagt der Mediziner.
Ziel: minimalinvasive Bluttests
Die Forschenden wollen nun mittels Massenspektrometrie die Gesamtheit der Proteine in Blutplasma und Gewebeproben der Vergleichsgruppen untersuchen. „Diese Analysen werden bei uns in der Core Facility Proteomics entwickelt und durchgeführt und bilden die Basis für die Identifizierung neuer Biomarker“, sagt Prof. Dr. Andreas Pich, Leiter der zentralen MHH-Forschungseinrichtung. Ergänzend werden Zellen aus der sogenannten bronchoalveolären Lavageflüssigkeit analysiert, die durch das Spülen der Atemwege mit Kochsalzlösung gewonnen werden. Eine besondere Stärke des Projekts liegt darin, dass sowohl Plasma- als auch Gewebeproben derselben Patientinnen und Patienten zu identischen Zeitpunkten nach der Lungentransplantation vorliegen. Dies ermöglicht eine direkte vergleichende Analyse der Probenarten. Zudem analysieren die Forschenden Botenstoffe des Immunsystems, die Entzündungsreaktionen steuern – sogenannte Zytokine. „Wir möchten Biomarker finden, die wir anhand einfacher, minimalinvasiver Bluttests über den Verlauf nach der Transplantation verfolgen können, um hiermit die langfristige Entwicklung des Transplantats vorhersagen zu können“, sagt Pathologin PD Dr. Neubert.
Schützende Einflüsse fördern
Die Beobachtungen sollen auch die Überlebenswahrscheinlichkeit von Patientinnen und Patienten konkret verbessern. „Wir möchten aus diesen Erkenntnissen einen Behandlungsansatz entwickeln, um die schützenden Einflüsse im Lungentransplantat zu fördern“, sagt PD Dr. Kamp. „Wenn wir langfristig drohende chronische Abstoßungsprobleme rechtzeitig vorhersagen könnten, wäre dies ein wichtiger Schritt hin zu vorbeugenden Maßnahmen, die auf weite Sicht vielleicht sogar chronische Abstoßungsprobleme abwenden könnten“.
Das Projekt „Identifying liquid biomarkers for the prediction of clinical outcomes after lung transplantation using plasma proteomics“ ist eine Kooperation zwischen den MHH-Instituten für Pathologie, für Transplantationsimmunologie, für Toxikologie und für Diagnostische und Interventionelle Radiologie sowie der MHH-Klinik für Pneumologie und Infektiologie, der Hannover Unified Biobank (HUB) und dem Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM).
Text: Kirsten Pötzke